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Hilfe annehmen

Foto eines NotizbuchsEiner meiner hartnäckigsten Charaktermängel ist, dass ich schlecht Hilfe annehmen kann. „Du schaffst das schon allein und stell dich nicht so an.“ Das waren Sätze, die mich schon in der Kindheit eher dazu gebracht haben, alles selbst in die Hand zu nehmen. In der Ehe mit dem Alkoholiker war vermeintlich sowieso alles meine Aufgabe. „Wer, wenn nicht ich und wann, wenn nicht jetzt sofort.“
Diese innere Einstellung hat mich in viele schwierige Situation gebracht. Eigentlich bräuchte ich ja Hilfe, aber……. Lieber nicht fragen, denn der andere hat ja……. Langsam konnte ich lernen, dass diese Art zu denken, nicht gesund ist und vielleicht mein Gegenüber sogar verletzt. Ich bin im Kopf der anderen, wenn ich überlege, wann denn der richtige Zeitpunkt für eine Anfrage auf Hilfe angebracht ist. Ich nehme dem Gegenüber die Entscheidung ab, was ihm wichtiger ist.  Mir zu helfen oder seinen Plan zu erfüllen.
Durch diverse gesundheitliche Einschränkungen war ich immer mal wieder in der Position um Hilfe bitten zu müssen. Fragen ging immer besser, nur auch aushalten, dass meine Bitte oder meine Anweisung nicht gleich auf der Stelle oder auf meine Art erledigt wurde, war immer eine Anstrengung für beide Seiten.
Vor einiger Zeit kam ich von einer Minute auf die andere durch einen Unfall wieder in die Situation massiv Unterstützung zu brauchen. Nicht ohne Gehhilfe laufen zu können, und festzustellen, dass auf diese Weise nichts zu transportieren ist, nicht sauber gemacht werden kann oder die Wäsche im Keller weder gewaschen noch auf- oder abgehängt werden kann. Kein Ausgang, kein Einkauf, keine Autofahrt, kein Meetingsbesuch….. Der erste Tag nach der Diagnose zeigte mir, wie sehr ich doch in meiner Eigenständigkeit beeinträchtigt war.
Nörgeln oder Jammern ist nicht mehr drin, also mussten Lösungen her. Von meiner Sponsorin bekam ich den Hinweis, dass die Kapitulation im Ersten Schritt auch für andere Situationen anwendbar ist und ebenso wäre es mit dem Gelassenheitsspruch. Was blieb mir schon übrig, als es einfach mal wieder auszuprobieren.

Mein Partner gab mir ein Büchlein und einen Stift. Darin sollte ich alle Aufträge vermerken und er hatte so die Chance es in seinem Tempo zu erledigen, ohne dass ich ihn zum tausendsten Mal erinnern musste. Freunde und Nachbarn kamen zu mir und boten mir an, einzukaufen, mich zu fahren, wenn mein Partner arbeiten muss. Freunde aus der Gemeinschaft machten mir den Vorschlag, dass sie gerne zu mir kommen würden, damit ich ein Meeting hätte. Sie wollten natürlich auch was zu Essen mitbringen, damit wir vorher oder hinterher ein bisschen Zeit miteinander verbringen könnten, ohne dass ich irgendwie arbeiten müsste.
Herrlich die Erfahrung solche Angebote annehmen zu können. Im Moment weiß ich gar nicht, was mich mehr bewegt. Ist es der Umstand, dass mir Leute helfen, oder ist es eher die Tatsache, dass ich das alles ohne große Kommentare einfach mal für mich in Anspruch nehme?
Es dauert noch eine ganze Weile, bis ich wieder autark bin. Bis dahin genieße ich dieses neue Gefühl und nutze die Zeit für Dinge, die vielleicht auch noch auf meiner Genesungsliste stehen. Wie zum Beispiel Geduld üben.

Eine sehr ausgebremste Angehörige

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