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Ein Hoffnungsschimmer

Als ich an diesem warmen, dunstigen Abend zur Kirche fuhr, hoffte ich inständig, dass das Meeting ausfallen würde oder niemand vorbeikäme. Der Knoten in meinem Bauch wurde immer größer, als ich auf den Parkplatz einbog und die vielen Autos sah.

Die Angst schien meinen Körper wie ein Heliumballon aufzublasen. Ich saß also zehn Minuten vor Meetingsbeginn in meinem Auto und beobachtete die Menschen, wie sie in den Meetingsraum gingen und betete, dass kein bekanntes Gesicht darunter wäre. Was würden die denken, wenn sie mich hier sähen? Sie würden es wissen, sie würden ablästern. Dann dachte ich an das verzweifelte Versprechen, das ich mir selbst in der Nacht zuvor auf dem Boden des Badezimmers liegend gegeben hatte: Hier hinzugehen und dem Ganzen eine Chance zu geben.

Ich verließ also das Auto und ging in mein erstes Al-Anon Meeting und fühlte mich dabei wie ein Kindergartenkind am Betreuungstag. Ich hielt meinen Kopf gesenkt, um Blickkontakte zu vermeiden. Da unterhielten sich Menschen jeden Alters angeregt miteinander und tranken dabei Kaffee oder Kakao. Ich setzte mich leise auf einen Stuhl, versuchte dabei, mich unsichtbar zu machen, aber die Gruppenmitglieder hießen mich willkommen.

Als die Leute anfingen laut vorzulesen, flogen mir Worte wie Frieden, Gelassenheit und Hoffnung um die Ohren. Es wirkte gerade so, als wären sie Teil ihres Alltagslebens. Wenn diese Leute friedlich und hoffnungsvoll waren, so dachte ich, dann konnten ihre Geschichten nicht so schlimm sein wie meine. Mein Leben war außer Kontrolle geraten. Ich saß auf diesem Stuhl als angsterfüllte, ungeduldige und von Schlafmangel gekennzeichnete Ehefrau und Mutter, völlig erschöpft von den Versuchen, ein Leben so perfekt wie in den sozialen Medien vorzutäuschen.

Nie und nimmer würde ich meine Erfahrungen mit diesen Leuten teilen. Ich verbrachte die Tage mit der Suche nach versteckten Flaschen, die schlaflosen Nächte mit Warten auf meinen Mann, mit Streiten und leeren Drohungen, was ich alles machen würde, wenn das Trinken nicht aufhörte. Als die Mitglieder ihre Geschichten erzählten, fiel mir die Kinnlade runter. Mein Herz schlug heftig und ich fühlte, wie ich anfing zu schwitzen. Ein ums andere Mal hörte ich Dinge, die mir so unendlich vertraut waren, und ich spürte das Mitgefühl und Gelassenheit der anderen Mitglieder. Irgendwann löste sich die innere Anspannung auf und ich spürte, wie lange gehegter Groll und Verbitterung weggespült wurden wie Schmutz von einer knospenden Blume. An dieser Stelle keimte ein Hoffnungsschimmer auf.

Sherri S. Oregon

Übersetzung und Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von The Forum, Ausgabe April 2019, Al-Anon Family Group Headquarters Inc. Virginia Beach, VA

Ein Kommentar

  1. Silke schrieb:

    Es ist schon so lange her, aber das Gefühl auf dem Weg zu meinem ersten Meeting ist noch präsent. Die Angst von meiner Kollegin entdeckt zu werden, die gleich um die Ecke wohnte, hat mir den Schweiß auf den Körper getrieben. Die Ausreden ploppten ungefragt in meinem Kopf auf. Die Kollegin traf ich nicht, aber viele wunderbare Menschen, die mir halfen mein Leben wieder zu meistern. Danke

    Dienstag, 31. Mai 2022 um 06 | Permalink

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