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Die Kraft des Programms

Foto SonnenaufgangMein Leben lang war ich ungeduldig. Schon als Kind konnte ich nicht still sitzen. Wurde mit „Wundermitteln“ wie Baldrian behandelt. Später fehlte mir oft die Einsicht, dass ich einfach mal innehalten sollte, um Entscheidungen mit Bedacht zu fällen.

Viele Entscheidungen entsprangen meinem Drang nach spontaner Selbstbestimmung und waren nicht gesund. Dieses Verhalten wurde in der Ehe mit dem Alkoholiker immer zwanghafter. Kontrollieren, beherrschen, alles besser wissen und alles besser und schneller machen.

Lange lebte ich auf dieser Überholspur. Meine Umwelt hatte unter meinem Tempo zu leiden und mein Körper, mein Geist und meine Seele auch. Entscheidungen mussten sofort und von mir getroffen werden. Tief in meinem Inneren wünschte ich mir eine Bremse, die mir erlaubte, endlich mal stillzuhalten. Nicht fünf Dinge auf einmal zu erledigen, sondern alle Fünfe gerade sein zu lassen.

Der Arbeit im Al-Anon Programm erschien mir anstrengend. Keine Sofortlösung, keine Rezepte, sondern eine notwendige Arbeit an mir selbst wurde immer wieder betont.

Oft kam ich im Meeting an und sprach es aus: „Ich möchte weg von der Überholspur und von dem Zwang, alles selbst erledigen zu müssen.“ Die dafür erforderliche Arbeit war immer wieder überlagert von meiner Ungeduld.Noch heute gelingt es mir nicht immer, dem alten Drang zu widerstehen. Schnell laufen, schnell denken, schnell reden … hat alles seine Zeit, muss ich mir ins Gedächtnis rufen.

Wenn ich mir die Zeit für die Dinge lasse, bekomme ich Rückmeldungen zu meiner Punktgenauigkeit. Es hat sich was verändert. Mir fallen heute spontan Fragen ein, wie: „Für wen mache ich das? Wer erwartet das von dir? Muss das sofort sein?“ Manchmal wundere ich mich selbst über die Einfachheit der Lösungen, denn diese Gedanken hatten einen langen Weg von meinen lesenden Augen zu meinem Gehirn zurückzulegen um sie als Gegenmittel zu meinen vermeintlichen Antreiber in Aktion zu bringen. Ich weiß bis heute nicht, wer und wo dieser Antreiber ist. Ich spüre jedoch die Erleichterung, die mir die Arbeit im Programm beschert hat.

Danke für die Möglichkeit, mein Leben zu entschleunigen.

Margret

 

 

Ein Kommentar

  1. Brigitte schrieb:

    Hallo Margret, schon viele Jahre in Al-Anon bin ich wieder entgleist. Mein Zug fuhr viel zu schnell und wollte an vielen Stationen gleichzeitig anhalten.
    Durch das Lesen Deines Berichtes konnte ich anhalten und zur Ruhe kommen.
    Danke für das Al-Anon Programm. Brigitte

    Sonntag, 9. Oktober 2022 um 10 | Permalink

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