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Auftauchen aus dem Abwärtssog

Wenn ich auf die Zeit zurückblicke, die mich zu Al-Anon brachte, fällt mir immer ein Bild ein. Ich hatte das Gefühl, mich in einem Strudel zu befinden, der mich mitgerissen hatte. Mein Leben war außer Kontrolle geraten.

Ich hatte einen neuen Partner kennengelernt, einen außergewöhnlichen, interessanten und sehr sensiblen Menschen. Trotz aller Schmetterlinge im Bauch und aller Verliebtheit hatte ich schnell das Gefühl irgendetwas stimmt nicht. Recht bald bemerkte ich, dass mein Partner ein Alkoholproblem hatte und Alkohol als „Therapie“ einsetzte. Hatte er sich zu Beginn unserer Beziehung noch sehr zusammengerissen, seinen Alkoholkonsum zu kontrollieren und zu verheimlichen, wurde er mit der Zeit immer offensichtlicher.

Mir war klar, dass ich nicht die Macht hatte gegen sein Trinken etwas zu tun und dass er selbst bereit sein muss, Hilfe zu akzeptieren. Aber ich konnte und wollte diesen verzweifelten und offensichtlich kranken Menschen doch nicht „fallen lassen“ und weiter abstürzen lassen, indem ich ihn verließ. Diese Verantwortung wollte ich nicht tragen. Irgendwann war ich völlig verwirrt. Was war das eigentlich für eine Beziehung? War das überhaupt Liebe oder war das Mitleid? Ich verausgabte mich dabei, zu versuchen ihn zu verstehen, zu unterstützen und seine Bereitschaft zu wecken, sich professionelle Hilfe zu holen. Vergeblich. Nun befanden wir uns gemeinsam in diesem Strudel, der sich immer schneller abwärts zu drehen schien.

Ich habe einmal gelesen, dass es sehr schwer sei, der wirbelnden Bewegung eines Strudels zu widerstehen. Daher besteht die Gefahr, darin zu ertrinken. Man soll deswegen nicht gegen den Sog des Strudels ankämpfen, sondern mit aller Kraft Richtung Boden in den Strudel untertauchen, da am Grund die Sogwirkung nicht so stark ist.

Ich  hatte mich verausgabt, mich mit aller Kraft gegen diesen Sog gestemmt. Irgendwann hatte ich keine Kraft mehr und war doch am Boden angekommen. Dann habe ich zu Al-Anon gefunden.

In Al-Anon habe ich gelernt, was es heißt in „Liebe loszulassen“ und für mich und meine Bedürfnisse zu sorgen. Ich habe die Beziehung beendet. Mein Partner hat schließlich trotzdem zu Nüchternheit gefunden. Alle meine Sorgen, verantwortlich zu sein und ihn nicht verlassen zu dürfen, waren völlig unnötig. Er hat seinen eigenen Weg gefunden.

Wenn das Leben mich heute zu einem anderen „Strudel“ führt, weiß ich, dass es wichtig ist, auf mich zu achten, mich um mich zu kümmern und dass es vielleicht gar nicht meine Aufgabe ist, mich hineinzubegeben und gegen den Sog zu stemmen. Es ist entlastend zu wissen nicht immer für alles und alle verantwortlich zu sein. Und wenn ich doch in alte früher praktizierte Verhaltensmuster zurückfalle, hilft mir der Austausch in der Al-Anon Gruppe und das Lesen in unserer Literatur, das zu erkennen und unterstützt mich dabei neue, andere, gesündere Verhaltensweisen zu üben. Ich stelle mir das so vor: Al-Anon gibt mir dann die Kraft zum Boden zu tauchen, wo die Sogwirkung nicht so stark ist.
So schmerzhaft die Erfahrungen der Vergangenheit waren. Heute bin ich für sie dankbar, denn dadurch durfte ich eine zuvor nie gekannte Gelassenheit in allen Bereichen meines Lebens finden.

Anonym

 

 

 

Ein Kommentar

  1. ursula schrieb:

    danke für den anonymen Artikel heute „Strudel abwärts“!, kann ich gut nachvollziehen, ist immer das gleiche Muster, bei mir ist im Moment die erwachsene Tochter das Problem, lange wurde es verheimlicht und jetzt ist es da und wir sind alle in einem Schockzustand – brauchen auch Hilfe – Suchtberatung für Angehörige z.B, ich wünsche Ihnen alles Gute und Sie können stolz auf sich sein.

    Sonntag, 27. November 2022 um 19 | Permalink

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