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Alle Jahre wieder

Advent und Weihnachten, der Jahresabschluss sind alles diese besonderen Gelegenheiten oder auch die besonderen Anlässe für keine Besinnung, keinen Frieden, keine guten Aussichten auf das kommende Jahr.
Dieses Jahr erleichterte mir eine Liste mit Namen derer, die unsere persönlich ausgesuchten Karten bekommen sollten, die Arbeit. Für jeden der passende Text gefunden und schon am zweiten Advent war jedem geschrieben, der uns am Herzen lag.
Dann bekam ich zwei elektronische „Weihnachtsgrüße“ und las auf einmal mit anderem Verständnis. Gute Wünsche gemixt mit der Nachfrage, ob man unten durch sei, weil der Kontakt unsererseits eingeschlafen ist oder ob in kürzerer Zukunft mal eine Besuchsreise nach Übersee geplant sei oder der Sohn nun endlich auch mal geheiratet hätte, weil die entsprechende Generation dort inzwischen schon regen Nachwuchs präsentieren kann. Ich weiß, dass die Person, die diese Zeilen verfasst hat, suchtkrank ist. Trotzdem habe ich gemerkt, was es mit mir macht. Auf diese riesige Entfernung bringt es mich von meinem Weg ab. Lässt mich nach alter Manier nach Ausreden suchen und in der Schuldkiste kramen. Ich bin dieser Person gegenüber machtlos und darf für sie beten, das ist es auch schon. Leichter gesagt, als getan.
Denn ein paar Stunden später kam auf diesem Wege der zweite Gruß. Der meiner Nichte, die in der alkohol- und tablettenbelasteter Umgebung meiner Schwester aufgewachsen ist. Ich hatte vor fast drei Jahren beschlossen, die “Hintenrumspiele” der Familie nicht mehr mitzumachen und den Kontakt abgebrochen. Erst mit schlechtem Gewissen, dann mit einer riesigen Erleichterung. Ich kann und werde niemand retten. Jetzt diese paar Zeilen, die das Leid am anderen Ende der Strippe oder besser der elektronischen Verbindung zu mir rüberbringen. Ich musste nicht reagieren. Sie war nicht Teil meiner Kartenaktion und doch bin ich immer noch am Zweifeln ob ich

antworte oder nicht. Das Ergebnis ist klar, bei Kontaktaufnahme begebe ich mich in die Tentakel der Krankheit. Muss ich das, nur weil sie die Tochter meiner verstorbenen Schwester ist? Nun ist auch das neue Jahr angebrochen und ich bekam von der besagten Nichte noch einmal gute Wünsche. Trotz meiner Bedenken habe ich reagiert. Nur eine kleine WhatsApp ist doch nicht schlimm. Gedacht, getan und schon bereut. Kaum waren meine Wünsche angekommen, bekam ich eine lange Antwort mit Bildchen und Informationen, die ich „eigentlich“ gar nicht haben wollte. Die Alkoholkrankheit betrifft die ganze Familie und sobald ich mich von meinem Genesungsweg entferne, überfällt sie mich mit ihrer ganzen Macht.
Her mit den Slogans: Denke! Nur für Heute! Das (die) Wichtigste zuerst!
Ich fühle es beim Schreiben, die Antwort ist schon da. Danke, Höhere Macht, dass ich schon so viel lernen konnte. Die Zeit ist reif für Menschen auf irgendeinem positiven Weg. Das Kranke darf ich ohne schlechtes Gewissen von mir fern halten.

Renate, eine Angehörige
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