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10 Jahre Al-Anon – was mir geholfen hat

Vor 10 Jahren hielt ich dem Druck nicht mehr stand und wandte mich erneut an den Suchtbeauftragten. Dieser erkannte meine Situation. Ich „musste“ zur Kur. Erst in dieser Zeit vertraute ich mich meiner Schwester und meiner Mutter an. Ich hatte keine Kraft mehr weiter zu lügen.
Dass ICH zur Kur kam fand ich ungerecht, weil ja nicht ICH das Problem war. Ich kam dort an und ICH fühlte mich rausgeschmissen. Gleichzeitig war es mir völlig unheimlich, wie es jetzt zu Hause weitergehen soll, wenn ich nicht da bin. Und was die Therapeuten von mir wollten, verstand ich überhaupt nicht. Aber der Abstand von zu Hause tat mir sehr gut.
Ich hatte mir inzwischen einen festen Rückenpanzer zugelegt, ein dickes Fettpolster und trug vorwiegend schwarze Kleidung.
Hier in der Kur, konnte ich mal frei und unbeschwert sein und mit anderen lachen. Lachen hatte ich verlernt. Und Sport machen, meinen Körper mal wieder spüren. Und ich wurde zu einer nahe gelegenen Selbsthilfegruppe verwiesen, zu Al-Anon.

Am ersten möglichen Abend, schlich ich nur um das Haus herum und traute mich nicht, hatte Angst davor. Aber das Plakat im Aushang sprach mich sehr an: eine einsame Blume mit abgeknicktem Kopf – ja, genauso fühlte ich mich.
Am nächsten möglichen Abend kannte ich bereits zwei weitere Frauen mit Alkoholproblemen in der Familie, jetzt trauten wir uns zusammen hinein.
Die erste Begegnung mit der Gruppe war unglaublich. Wir wurden von Herzen begrüßt und aufgenommen. Ich hörte, dass Alkoholismus eine Krankheit ist und ich KEINE SCHULD an dem Zustand meines Mannes habe. Es fielen riesengroße Hinkelsteine von mir ab. Und ich wurde verstanden, erhielt NICHT die üblichen Ratschläge zur sofortigen Trennung, sondern Verständnis für meine zwiespältigen Gefühle.
Ich suchte mir zu Hause eine Al-Anon-Gruppe und besuche diese seitdem regelmäßig. Inzwischen habe ich viel gelernt. Es ist ein ständiger Lernprozess, in dem ich meinen Charakter erkenne und auffüllen darf. Mir helfen die Aussagen und Meinungen der anderen, die mir neue Einblicke in mein Verhalten gewähren.

Al-Anon arbeitet mit dem Zwölf Schritte Programm. Das sind Zwölf Schritte, die nach und nach zur Verbesserung des Lebens führen und in eine neue Richtung weisen können.
Ich fasste den Entschluss, zu glauben und zu vertrauen, dass alles gut werden kann, so wie bei den anderen, die diese Schritte vor mir gegangen sind.
Sehr geholfen hat mir die Broschüre „ Alkohol – ein Karussell des Leugnens“. Hier wird das Spiel des Alkohols als ein Theaterstück erklärt, das über die Jahre in ständiger Wiederholung abläuft.

Im 1. Akt spielt der Alkohol die Hauptrolle. ER sagt allen, was zu tun ist und diese reagieren.
Im 2. Akt wird deutlich, dass der Alkoholiker die Folgen des Trinkens von anderen ausgebügeln lässt, und so kann er sich weiterhin unverantwortlich benehmen.
Im 3. Akt leugnet der Alkoholiker, dass er ein Problem hat. Alle verhalten sich anders als sie sagen, auch der Angehörige. Das allererste und wichtigste Thema war für mich das Loslassen, ihm sein Los zu lassen – wie mir erklärt wurde. Und – „in Liebe loslassen“, es war ok, ihn trotzdem zu lieben. DAS konnten nur Menschen mit gleicher Erfahrung verstehen.
Also lernte ich in kleinen Schritten mich anders zu verhalten und damit aufzuhören, ihm zu helfen, und somit sein selbst gewähltes Los in seiner eigenen Verantwortung zu lassen. Offenbar bemerkte er eine Veränderung, denn er behauptete, dass ich doof geworden sei, seitdem ich dahin gehe.
Ich ließ nicht nach, immer wieder zu erwähnen, dass es in der parallel stattfindenden A.A.-Gruppe diverse großartige Menschen gäbe, die ein ähnliches Schicksal wie er hatten und einen Weg herausgefunden hätten. Auch wenn ich keine Reaktion erfuhr, so hatte er doch Ohren, die meine Worte ja empfangen mussten.
Ich bemerkte wie mühsam ich mit jedem Meeting ein kleines Stück mehr aus dem Alkohol-Sumpf herauskrabbelte und ich ließ ihn unten zurück.
Zwei Jahre später, nach dem x-ten Plopp eines Kronenkorkens, fiel mein Vorhang und ich war bereit, ihn zu verlassen und mir mein eigenes Leben zurückzuholen. Als in mir diese Entscheidung endlich und wirklich ernsthaft gefallen war, hatte ihn auch sein Arbeitgeber mit seinem Trinkverhalten konfrontiert und eine Änderung gefordert.
Was ich allein in den ganzen Jahren nicht geschafft hatte, passierte nun auf einmal völlig unvorhergesehen. Auf einmal, mitten in meinen noch unausgesprochenen Umzugsplänen, hörte ich die Worte: „Gehst du mit mir zum Arzt?“ Seitdem gehen wir zusammen in die Meetings, jeder in seine Gruppe.
Durch unser gemeinsames Schicksal und die Aufarbeitung durch die Gruppenarbeit habe ich meine Kindheitsthemen angehen können. Ich habe den lange mit mir herum getragenen Hass gegen meinen Stiefvater verlieren dürfen und die Liebe zu meinem inzwischen verstorbenen Vater wieder
zugelassen. Wir leben seitdem beide alkoholfrei mit einer alkoholfreien Zone zu Hause.
Nach und nach und ganz langsam kehrte das verlorene Vertrauen zurück. Doch es wird nie wieder so sein, wie es zu unseren Anfängen war.
Unsere Geschichte hat uns beide geprägt.
Anne, eine Al-Anon

3 Kommentare

  1. Franziska schrieb:

    Danke für dein Teilen! Gerade in der jetzigen Situation ohne reale Meetings bin ich sehr froh, über alle digitalen Möglichkeiten. Deine Geschichte hat mich auch an meine Anfänge bei Al-Anon erinnert und mir wieder vor Augen geführt, wie weit ich in mittlerweile 5 Jahren gekommen bin. Zur Zeit habe ich einige schwierige Tage und mir meine Fortschritte vor Augen zu halten, hilft. Fortschritt nicht Perfektion- in diesem Sinne – gute 24 Stunden!

    Montag, 22. Juni 2020 um 08 | Permalink
  2. Veronika schrieb:

    Danke für diesen Beitrag. Er erinnert mich an so viele Geschichten, die ich im Meeting gehört habe. s24h
    Veronika

    Donnerstag, 25. Juni 2020 um 09 | Permalink
  3. Kathrin schrieb:

    das Lesen im Blog und diese Zeilen hier stärken meinen Willen zum nächstmöglichen Meeting zu gehen.
    Ich bin seit einigen Tagen so kraftlos und merke, dass ich meine innere Aggression nicht mehr bündeln kann und es fühlt sich richtig an, dorthin zu gehen, um den Schritt zu wagen, wieder zur mir zu finden, auch im Sinne meines kleinen Kindes.

    Mittwoch, 16. September 2020 um 21 | Permalink

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