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Die Entscheidung, wohin ich schauen will

Foto eines HochhausesNach der Arbeit kehrte ich in die Wohnung zurück, die ich mit meinem alkoholkranken Partner teilte. Das Haus steht an einer Hauptstraße unserer Stadt. Beim Aussteigen an der Bushaltestelle vor unserem Gebäude schaute ich zu den Fenstern auf, um zu sehen, was mich erwartete.

Wenn kein Licht brannte, war er entweder unterwegs oder schlief. Wenn ich eine Lampe sah, war er wahrscheinlich in der Küche und bereitete ein leckeres Essen zu. Aber wenn alle Lichter an waren, bedeutete es, dass er total betrunken war.

Diese Busfahrten waren eine Quelle der Angst, weil ich nie wusste, ob sie Einsamkeit, ein angenehmes Abendessen oder alkoholisches Chaos bringen würden.

Mit der Zeit begann das Unbehagen in meine Nachmittage zu kriechen, da ich mir Sorgen machte, lange bevor ich meinen Job beendete. Schließlich war ich besorgt ab dem Moment, als ich ins Büro ging und ein Nervenbündel beim Verlassen des Gebäudes. Sobald ich Al-Anon Meetings besuchte, lernte ich, nicht im Voraus unter Dingen zu leiden, die noch nicht geschehen sind. Ich begriff, dass die Sorge um die Zukunft mich um Tage und Wochen beraubt hat, aber nie das Ergebnis beeinflusste.

Wenn ich mich stattdessen auf „Nur für Heute“ konzentrierte und nicht auf morgen oder nächste Woche, war ich in der Lage, mich auf mein eigenes gegenwärtiges Leben zu fokussieren. Eines Tages beschloss ich, beim Aussteigen aus dem Bus überhaupt nicht nach oben zu schauen. Stattdessen würde ich über alle Einkäufe nachdenken, die ich machen musste, oder einen Spaziergang machen und reflektieren, was an diesem Tag geschehen war. Ich entschloss mich, daheim nichts zu erwarten, bis ich meinen Schlüssel in die Tür gesteckt hatte. Was immer es war, würde auch dann noch auf mich warten.

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My daily business oder: Adlerauge sei wachsam

Es gibt so viele Einfallstore für beunruhigende, verwirrende Gedanken, dass ich wahrlich immer wachsam bleiben muss, um mich nicht in die Tiefe ziehen zu lassen. Denn das ist für mich heute klar: dort will ich nicht mehr hin. In diese traurige, dunkle Opfer- und gleichzeitig Märtyrerrolle.
Manchmal kommt es noch vor, dass das Negative z. B. schon beim Aufwachen an mir nagt – wozu aufstehen? Doch ich habe heute Werkzeuge, die ich im Al-Anon Programm gelernt habe. Zügig denke ich an die vergangene ruhige, friedvolle Nacht, das Licht des Morgens und spüre Dankbarkeit.
Eine zarte Neugier auf den neuen Tag wächst empor… die Melancholie vom Aufwachen lasse ich davonziehen und schlage gleich beim Frühkaffee eines unserer Tagestextbücher auf, „Nur einen Tag nach dem anderen in Al-Anon “ S. 210 (Best.Nr. 109)….wie immer finde ich die Worte, die ich jetzt brauche. Ich brauche das Programm – mein Leben hängt tatsächlich davon ab.
Der Gelassenheitsspruch führt mich zum nächsten Schritt. Ich bitte meine Höhere Macht, für mich ist es Gott, um den Mut, die Dinge zu ändern, die ich kann…und das bin ich. Ich kann meine Gedanken wahrnehmen, dem Negativen, Selbstzerstörerischen einen Stopp setzen und üben, sie zu ändern. Ich denke jetzt oft: ich bin hier, um lebendig zu leben und ich darf mich froh und behaglich fühlen. Auch, wenn es jemand anderem nicht passt.

In Dankbarkeit für unsere Gemeinschaft.
Anni

Der Anfang der Reise in Al-Anon

LandschaftsfotoIn unserer Al-Anon Online-Gruppe Family + Friends lese ich immer wieder Beiträge von Neuen, in denen es um das Gefühls-Chaos geht, das der Reisebeginn mit Al-Anon auslösen kann. Ich kenne die zwiespältigen Gefühle ziemlich gut, die es anfangs in mir auslöste mich auf das, was mir gut tut, statt auf das Umkreisen meines Partners zu konzentrieren.

Ich hatte tatsächlich ein schlechtes Gewissen, wenn ich es mir gut gehen ließ, obwohl es meinem Partner schlecht ging. Das Ganze wurde von meinem Mann damals durch Bemerkungen angeheizt. Dass sie tatsächlich gezielt manipulativ eingesetzt wurden, möchte ich heute gar nicht mehr unterstellen. Ich glaube heute, dass mein Mann damals einfach ziemliche Probleme mit der Annahme meiner Veränderung hatte, und dass deshalb seine Gefühle mit ihm Tango tanzten.

Es fielen Bemerkungen wie: “Dir geht´s zu gut”. “So schön möchte ich es auch mal haben.” “Du ruhst dich auf meinem Rücken aus.” Das zog mich emotional ziemlich runter. Suggerierte es mir doch, dass mein Mann mich als Faulenzer und jemanden, der auf seine Kosten lebt, sah. So jemanden kann man ja nicht lieben. Ich fühlte mich also nicht geliebt und angenommen.

Auf der einen Seite fühlte ich sogar sehr klar, dass seine Sprüche Gift für mich waren. Auf der anderen Seite konnte ich mich aber nicht wirklich dagegen abgrenzen, da ja die Schuldgefühle in mir waren, wenn ich es mir gut gehen ließ, obwohl es ihm schlecht gingund ihm ging es zu der Zeit dauerschlecht…zuerst weil er trank und dann weil er nicht mehr trank. …weiterlesen …

Mich fast wieder verloren…

FotoObwohl ich schon einige Tage am Morgen immer dachte, ich bin irgendwie wieder in meinem Hamsterrad gefangen, erledigte ich doch alles wie gewohnt.

Las in der Literatur, bat meine Höhere Macht um Führung usw. Doch es hatte etwas Mechanisches, ich spürte mich kaum, war in mir selbst gefangen. Erst beim Aufschreiben konnte ich endlich erkennen, dass ich mir wirklich wieder fast verloren ging. So wie früher – alles absolvieren, funktionieren, so ist doch alles richtig, oder?

…ein lebendiges und freies Leben geht anders. Ich habe durch Al-Anon schon davon gekostet und sollte doch in der Lage sein, meine Werkzeuge nicht wie eine Maschine anzuwenden, sondern mich ehrlich zu fragen: Was brauche ich? Worum geht es?

Zuerst meinen Kontakt nach oben, herstellen. Einen, den ich auch wirklich spüren kann, – da ist der Platz am Küchentisch für mich zu starr – ich brauche die Natur, den Wald hinter meinem Haus. Ich tauchte ein in das Grün, ich atmete, ich war wieder lebendig – Dankbarkeit und Demut breiteten sich in mir aus, umschlossen und erfüllten mich.

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Ich hörte Worte, die mir halfen zuzuhören

Foto von einem BuchBei meinem ersten Al-Anon Treffen war ich wütend. Mir wurde aufgetragen, an diesen Treffen teilzunehmen und ich dachte, ich müsse da nicht hingehen.

Ich saß in meinen ersten paar Meetings mit über meiner Brust verschränkten Armen und dachte: „Was haben diese Leute mit mir gemeinsam?“ Dann lasen wir die Seiten 40 und 41 in „So wirkt Al-Anon für Angehörige und Freunde von Alkoholikern“ (Best.-Nr. 105).

Ich setzte mich aufrecht auf meinen Stuhl, ließ meine Arme locker und hörte zum ersten Mal zu. „Wir verloren die Fähigkeit – Nein – zu sagen“. Das war es. Mir wurde klar, dass die Leute im Meeting genauso waren wie ich. Sie verstanden meine Kämpfe.

Jetzt freue ich mich auf diese Treffen. Die Fremden sind jetzt Freunde, besonders die Neuankömmlinge.

Misty C. California

Übersetzung und Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von The Forum, Ausgabe May 2021, Al-Anon Family Group Headquarters Inc. , Virginia Beach, VA

Mein Herz ist froh

Foto BlumenbeetSobald früher jemand im Meeting von Dankbarkeit sprach, sträubten sich mir die Haare und alles verkrampfte sich in mir.
Wofür sollte ich dankbar sein, nach dieser langen Zeit in ungeordneten Verhältnissen? Nach einer Ehe, in der sehr schnell kein Platz mehr war für Frohsinn aus dem Herzen heraus.
Die Stimmung war nur im Urlaub gut, denn dort war ja alles anders. DerAlkohol durfte fließen, weil am nächsten Tag kein Arbeitgeber wartete. Außerdem macht „man“ das im Urlaub so. Ich habe lange gebraucht, selbst mit der Hilfe von Al-Anon, um guten Gefühlen oder Ereignissen zu trauen.
„Freu‘ dich nicht zu früh! Das dicke Ende kommt auf jeden Fall.“ Meistens traf diese negative Prophezeiung auch ein. Offenbar hatte ich die innere Freude aus meinem Leben verbannt, denn die Ernüchterung über gebrochene Versprechen und das Aufdecken von immer neuen Schwierigkeiten, machte mein Herz hart und webte um meine Seele ein dichtes Netz aus Abwehr.
So sehe ich heute meinen damaligen Zustand, der auch anderen nahestehenden Freunden auffiel. Ich erinnere mich an eine Aussage einer Freundin aus der Al-Anon Gemeinschaft, die mich fragte: „Ist was passiert in Deiner Familie? Du schaust so ernst und traurig.“ Ich war zu der Zeit schon eine ganze Weile in Al-Anon und offenbar immer noch nicht in der Lage, das Heute tatsächlich ohne Vorbehalte anzunehmen. Zu der Zeit gab es keinen Anlass mehr, sich Sorgen zu machen. Alles, was es zu bewältigen gab, waren aus der heutigen Sicht Lebensaufgaben und keine Dramen.

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Al-Anon hat mir mein Leben gerettet

selbst gestaltete SmilesVor Al-Anon lebte ich in großer Angst. Ich schottete mich ab, wenn mir eine Situation unangenehm war, oder ich schlug um mich, als ob ich um mein Leben kämpfte.

Mir war es wichtig, dass andere wussten, dass ich stark bin und dass sie keine Macht über mich hatten. Ich war voller Wut und Traurigkeit, hatte große Angst und Hoffnungslosigkeit. Und wem soll ich das alles erzählen? Mit wem durfte ich über meine Gefühle reden? War ich verrückt? Was war los mit mir? Ich fühlte mich nur noch als Opfer.

In den letzten 27 Jahren waren so viele Dinge passiert und ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Jeder in Al-Anon wusste es. Die Mitglieder erlebten oder hatten erfahren, was ich fühlte. Sie kannten meine Geschichte, egal wie alt sie waren, egal wer der Alkoholiker in ihrem Leben war, egal, welcher Herkunft sie waren.

Ich bin nicht verrückt. Ich bin gut genug. Ich muss auf mich selbst aufpassen. Ich muss Grenzen setzen. Ich kann die Alkoholiker in meinem Leben lieben. Ich bin nicht das Spiegelbild der Alkoholiker um mich herum oder von sonst jemand. Ich liebe die Menschen um mich herum, sonst wären sie nicht in meinem Leben.

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Ich habe ein fantastisches Leben

FotoUnlängst habe ich mich von meinem Ehemann getrennt. Er hatte ein Trinkproblem, das ich zu ignorieren versucht hatte. Ein Paar aus meinem nahen Freundeskreis wusste einiges von dem, was bei uns zu Hause los gewesen war. Einige Monate vor unserer Trennung redeten sie mir sehr intensiv gut zu, zu Al-Anon zu gehen.

In meinem Zustand kompletter Ablehnung wollte ich nicht noch etwas zusätzlich anfangen, das mein ohnehin verrücktes Leben weiter erschweren würde.
Einige Monate nach unserer Trennung ging ich dann zu meinem ersten Meeting. Der Grund war meine Angst um die Sicherheit unserer Kinder, wenn sie bei ihrem Vater waren und das war für mich eine zu schwere Last. Meine Angst um ihre Sicherheit war nun größer als meine Scham und Angst, die mit dem Eingeständnis verbunden war, dass mein Mann ein Trinkproblem hatte. Ich erinnere mich, wie ich zitternd zu meinem ersten, zweiten und auch dritten Meeting ging.

Ich konnte gerade so die Zwölf Schritte lesen. Zudem hatte ich immer noch Angst davor, der Realität ins Auge zu sehen, in der ich jahrelang gelebt hatte und auch davor, wie ich in der neuen Situation sicherstellen könnte, dass mit den Kindern während sie in der Obhut ihres Vaters waren, alles in Ordnung war.

Was war also der tatsächliche Grund meines Kommens? Es war ein sehr schwerer Schritt gewesen, aber ich hatte alles andere ausprobiert. Ich wollte die Gelassenheit finden, die ich bei den Menschen in den Meetings wahrnahm. Ich lernte, dass ich für mich da hinging, dass ich nicht die Ursache für das Trinken meines Mannes war und dass ich auch nicht verantwortlich für sein Handeln war. Es fiel häufig das Wort „Liebe“, und ich wollte sowohl das, als auch Frieden.

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Geduld und was steckt vielleicht dahinter

Foto LavendelblühteEine meiner herausragenden Charaktereigenschaften war und ist auch heute noch manchmal die Ungeduld. Viele Slogans und Beiträge in unserer Al-Anon Literatur zeigen mir, dass ich damit nicht alleine bin.

Nur das ändert bei mir nichts. Ich merke, dieser Charakterzug bringt mich nicht weiter. Er macht mich mürbe, stört meinen alltäglichen Ablauf und… die Ergebnisse sind nicht so, wie ICH sie mir vorgestellt habe. Also habe ich mich mal wieder gründlicher mit dieser Eigenschaft auseinandergesetzt und kam zu der Erkenntnis, mein Wille gehört nach dem Verständnis des Dritten Schrittes mehr der Sorge meiner Höheren Macht anvertraut. Sie weiß viel besser als ich, wie und vor allen Dingen, wann was dran ist, gelöst zu werden.

Mir kam noch ein anderer Gedanke. Ich möchte schon im Voraus eine Garantie, dass alles so wird, wie ich mir das vorstelle – Perfektionismus/Ichbezogenheit -. Das hielt mich früher davon ab, etwas Neues auszuprobieren. Das Zeigen von Ungeduld in meinem Fall mit Wutausbrüchen wurde in meiner Herkunftsfamilie immer mit Missbilligung belegt. Es gab keine Unterstützung bei der nervenden Herausforderung, sondern stets den Hinweis, man solle nicht so ungeduldig sein, irgendwann werde es schon klappen. Als Kind war dieses „Irgendwann“ einfach zu groß und nicht hilfreich.

In der Ehe mit dem Alkoholiker war ich sehr ungeduldig, denn er hatte mir ja versprochen, mit mir würde er endlich aufhören können zu trinken. Auch hier gab es niemand, der mich in die Realität begleitete, dass nicht ICH die Lösung des Problems sein kann, sosehr ich mich auch aufrege oder anstrenge.

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Es ist etwas Wesentliches

Foto aus dem AllgäuÜber 35 Jahre lang gab es keinen aktiven Alkoholiker in meinem Leben. Dann kam ich in eine Situation, in der ich Verlust und Treuebruch erlebte, die nichts mit Alkohol zu tun hatten.

Das führte dazu, das alles, was ich je an Entscheidungen, Verlusten und Verletzungen erlebt hatte, plötzlich wie Korken auf dem Wasser schwammen.  Ich wurde von Selbstzweifeln und Abscheu über mich selbst überflutet und ich verurteilte mich selbst für Dinge, die ich niemals hatte kontrollieren können.
Eine Freundin meinte, dass ich vielleicht von Al-Anon profitieren könnte. Obwohl ich den Zusammenhang nicht verstand, war es doch möglich, das mein Aufwachsen in alkoholkranker Umgebung mit dafür verantwortlich war, wie ich alles und jeden sah und einordnete. Ich sagte also zu, einen Versuch zu wagen.
Bereits bei meinem allerersten Meetingsbesuch stellte ich einen wesentlichen Unterschied fest. Da gab es kein Verurteilen und keine Kritik, sondern nur Annahme. Da waren Menschen, die über sich selbst sprachen. Und es war gerade so, als würden sie meine eigene Geschichte kennen. Ich wusste,
hier war ich richtig. Ich fing an, eine weitere Gruppe zu besuchen und fand auch hier dasselbe Maß an Annahme, und ich begann, innerlich heile zu werden.
Wenn ich nach meiner Erfahrung als Neuling gefragt werde, sage ich, dass es so ist wie der Einstieg in ein Wasserbecken, das immer die ideale Temperatur hat: Kühl und erfrischend, wenn ich aufgeregt oder zornig bin, warm und besänftigend, wenn mir innerlich kalt ist und ich mich einsam
fühle.
Al-Anon Meetings und die Literatur sind wie Luft und Wasser für mich. Ich komme nicht mehr ohne sie aus. Es ist ein großer Trost für mich zu wissen, dass für den Rest meines Lebens Al Anon für mich da sein wird, wohin auch immer ich gehen werde.

Anonymous

Übersetzung und Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von The Forum, Ausgabe Dezember 2020, Al Anon Family Group Headquarters Inc. Virginia Beach, VA

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