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Ich kann wählen

Abbildung: Mut zur Veränderung (Bestellnummer: 109)Al-Anon Meetings öffneten mir die Augen für etwas, an das ich vorher nie gedacht hatte: Schreien und Türen knallen war nicht der beste Weg, mit einer ohnehin schwierigen Situation umzugehen. Während es vielleicht keinen Schaden anrichtet, wenn ich gelegentlich mit erhobener Stimme „Dampf ablasse“, kann Schreien zu einer zerstörerischen Gewohnheit werden. Ich hatte nie daran gedacht, mich zu fragen, ob ich mich wirklich so benehmen wollte. Erreichte ich dadurch das, was ich eigentlich wollte, oder wurde ich dadurch ermutigt, mich gut zu fühlen?

Als ich mir ernsthaft Gedanken darüber machte, musste ich mir diese Fragen mit „nein“ beantworten. Laute böse Worte und Taten bewiesen meine tiefe Enttäuschung und ließen alle Hoffnungen auf eine friedliche Lösung meiner Probleme schwinden.

Der Slogan, der mich zu rationalem Denken zurückführt, heißt „Nimm’s leicht.“ Wenn ich mit Hilfe dieses Slogans mein Inneres beruhige, ist es einfacher, auch mit den äußeren Umständen ruhiger umzugehen.

Überlegung für Heute

Ich suche jetzt einen gesünderen Zugang zu allem, was mir begegnet. Die Slogans können wertvolle Quellen sein für ein gesundes Umgehen mit chaotischen Situationen. Wenn ich heute versucht bin, aus Zorn oder Enttäuschung heraus zu handeln, will ich mich daran erinnern: Nimm’s leicht.

„Ich werde versuchen, ‚Eile mit Weile’ in jedem einzelnen Fall anzuwenden, der die Spannung vergrößern und zu einer Explosion führen könnte.“

Nur einen Tag nach dem anderen in Al-Anon

Quelle: Mut zur Veränderung – 13. Oktober – Seite 288

„Mut zur Veränderung“ ODAT II (Bestell-Nr. 109)
Al-Anon Familiengruppen – Zentrales Dienstbüro
Emilienstraße 4 – D – 45128 Essen
Tel. : 0201 / 77 30 07 – www.al-anon.de

Familienfeier

Foto von einen DruckGerade bin ich zurück von einem Familienfest. Schöne Feier? Ja, aber…. Ich bin erschöpft und weiß auch warum. Viele Situationen haben mich gefordert, alle meine Werkzeuge parat zu halten. Ich war gut gewappnet, hatte als Einstieg eine entspannte Geburtstagsfeier bei einer lieben Freundin aus der Gemeinschaft und fuhr von dort weiter zur Familie.
Erstes Übungsfeld war meine Planung, nach der Zugfahrt eigenständig zu meiner Schwester fahren. – Ich brauche keinen Shuttle, die Anschlussfahrt ist im Ticket drin. Ich muss nur ein bisschen auf den Bus warten. – Ja, aber…… wir sind doch schneller da und das ist auch bequemer…..
Gut gemeint, aber das Ergebnis war, dass mein Fahrer noch schnell beim Bäcker vorbeifahren musste, um die Festtagstorte zu holen, weil der Bäcker ja gleich zu macht. In der Hektik, vergaß er den Auftrag, auch noch die Brötchen für das Wochenende mitzubringen. Also, nochmal los. – Loslassen und Gott überlassen -.
Nächste Übung hing mit meinem Versprechen zusammen, uns einen Kuchen zu backen. Ich stand in der Küche und meine Schwester konnte sich nicht entspannen und mich einfach machen lassen. – Ich wiege aber immer zu. – – Lass es mich auf meine Art machen. – – Ja, aber …… ich mache es immer so. – – Gott, gebe mir die Gelassenheit – So ging es weiter bis zum nächsten Tag mit unnötigem Hin- und Herfahren, Kontrolle, gut gemeinten Ratschlägen und kräftezehrender Einmischerei.
– Aufgaben werden nur einmal verteilt. Zehnter Dienstgrundsatz.-

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Gewalt

Abbildung: Mut zur Veränderung (Bestellnummer: 109) Einige Alkoholiker werden gewalttätig, besonders dann, wenn sie trinken. Wie gehen wir mit körperlicher Gewalt um? Was können wir dagegen tun?

Al-Anon gibt keine bestimmten Ratschläge, was persönliche Beziehungen angeht – weder treten wir dafür ein, sie abzubrechen, noch dafür, sie weiterhin aufzubauen. Diese Entscheidungen werden am besten den Einzelnen überlassen, die sie dann treffen werden, wenn sie die Zeit für gekommen halten. Ganz besonderen Wert legen wir jedoch auf unsere persönliche Verantwortung, für unser eigenes Wohlergehen zu sorgen. Wenn wir wissen, dass Gefahr für unseren Körper Teil unserer Wirklichkeit ist, können wir dies zugeben und Schritte unternehmen, uns zumindest zeitweise dagegen zu schützen. Wir können uns um einen sicheren Ort bemühen, an den wir uns, falls nötig, jederzeit begeben können. Es kann klug sein, Geld und Autoschlüssel so aufzubewahren, dass sie leicht zugänglich sind. Auch könnten wir eine Beratung aufsuchen, oder mit der Polizei über unsere Möglichkeiten sprechen.

Niemand hat das Recht, jemand anders körperlich anzugreifen, aus welchem Grund auch immer. Wir können unser eigenes Verhalten daraufhin überprüfen, ob wir selbst zu den Problemen beitragen, indem wir einen Betrunkenen provozieren, und daran arbeiten, unser Verhalten zu verändern. Aber wir sind nicht die Ursache dafür, dass ein anderer gewalttätig ist oder uns missbraucht.

Überlegung für Heute

Es liegt nicht in meiner Macht, einen anderen Menschen zu ändern. Wenn ich mit Gewalttätigkeit konfrontiert werde, muss ich diejenige sein, die sich ändert. Ich will jetzt damit beginnen, mir selbst über das, was passiert, nichts mehr vorzumachen.

„Es gibt Hoffnung und es gibt Hilfe, und ich habe ein unveräußerliches Recht auf menschliche Würde.“

In All Our Affairs

Quelle: Mut zur Veränderung – 29. September – Seite 273

„Mut zur Veränderung“ ODAT II (Bestell-Nr. 109)

Al-Anon Familiengruppen – Zentrales Dienstbüro
Emilienstraße 4 – D – 45128 Essen
Tel. : 0201 / 77 30 07 – www.al-anon.de

Hoffnung wider alle Hoffnungslosigkeit

Foto von einer WindmühleDurch Zufall hörte ich von einer lieben Person, dass es nicht nur für Alkoholiker, sondern auch für Angehörige eine Gruppe gibt, die sich Al-Anon nennt. Irgendwas trieb mich tatsächlich dorthin. Heute würde ich sagen, meine Höhere Macht hatte „die Hand im Spiel“. So viele andere Versuche sind gescheitert, meinem alkoholkranken Sohn zu helfen. „Denn Suchtopfer sind nicht nur die Süchtigen“, auch deren Angehörige brauchen Hilfe.
Als ich dann vor mehreren 24 Stunden voller Verzweiflung, Angst, Hoffnungslosigkeit und Verwirrung zu Al-Anon kam und ich dort zum erstenmal den Ersten Schritt hörte, verstand ich fast gar nichts. Aber irgendwie ging ich anders nach Hause, als ich gekommen war. Ich nahm den für mich wichtigen Satz mit, dass ich nicht Schuld am Trinken meines Sohnes bin. Das war für mich schon mal ein ganz wichtiger „Aufhänger“. Ich musste begreifen, dass ich nicht gegen Windmühlen kämpfen kann, da ich den Kampf nie gewinnen werde. Es ist niemals leicht, sich geschlagen zu geben, zu sehen, dass ich wirklich kapitulieren kann, wenn ich so viele Jahre versucht habe, das Problem Alkoholismus auf meine Art und Weise zu lösen.
Es war trotzdem ein langer Weg für mich, denn so, wie ich das Programm vom Kopf her begriffen hatte, war es immer noch schwierig, es im Umgang mit dem Alkoholiker anzuwenden. Ich bin auch immer wieder – auch heute noch – vom Wohlbefinden und den Launen des Alkoholikers abhängig, statt in Liebe loszulassen.
Eines wusste ich sehr bald genau: Die Al-Anon Meetings sind genau das Richtige für mich, sie sind das, wonach ich schon lange gesucht habe. Hier fand und finde ich Menschen mit ähnlichen Sorgen und Problemen, aber auch viel Liebe und Verständnis. Auch, dass ich in den Meetings endlich

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Ich fühle mich nicht mehr zerbrochen

Foto mit Palmen und AbendrotBevor ich zu Al-Anon kam, fühlte ich mich wie verfolgt – von meinem eigenen, kranken Denken und vom verbalen Missbrauch meines alkoholkranken Mannes. Dieser Missbrauch dauerte nun schon 18 Jahre. Wir waren uns in der Uni begegnet, und waren beste Freunde geworden. Wir studierten und feierten gemeinsam. Doch Jahre später wurde unser Sohn geboren und zu diesem Zeitpunkt beeinflusste Alkoholismus bereits jede unserer Diskussionen und Entscheidungen. Ich kam mir vor wie im Irrenhaus, und mein Denken und Fühlen waren vom Wahnsinn dieser Krankheit mehr und mehr betroffen.
13 Jahre später kam ich dann zu Al-Anon – emotional, mental und physisch gebrochen. Auch wenn ich im Beruf viel Verantwortung trug, war mein Privatleben eine Katastrophe. Dennoch wollte ich keine Gelassenheit, denn das klang langweilig. Ich hatte kein gutes Gefühl dafür, was ich wollte oder brauchte.
Ich hörte bei meinem ersten Meeting eine Geschichte, die noch schlimmer als meine war. Ich fühlte mich angezogen von den spirituellen Worten des Gelassenheitsgebets und der Zwölf Schritte. Ich fühlte mich akzeptiert.
Ich hörte „Nimm‘, was dir gefällt, und lass‘ den Rest beiseite.“ Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass ich als Person und meine Handlungen okay wären. Ich fühlte mich nicht verurteilt oder musste dazugehören. Das gab mir die Freiheit, wiederzukommen.

Aus: the Forum, June 2018, S. 7., von June T., Oregon
Gedruckt/Veröffentlicht mit der Erlaubnis von The Forum, Al-Anon Familiengruppen Hdqts., Inc., Virginia Beach

Durch die Anonymität fühle ich mich sicher

Foto von vielen BlütenNach dreijährigem Kampf, Verwirrung und Freudlosigkeit wegen des Alkoholproblems meines Mannes, fand ich über eine gemeinnützige Organisation zu Al-Anon. Ich war damals absolut am Ende und sah das als einzige Hoffnung, Hilfe zu finden. Obwohl ich mir nie vorstellen konnte, vor einer Gruppe über meine persönlichen Probleme zu sprechen, fühlte ich mich durch die freundliche Aufnahme angezogen. Da waren wildfremde Leute, die mir aus dem Herzen sprachen. Ich sagte lange nichts über meine wirklichen Probleme, aber das Zuhören half mir schon sehr. Al-Anon wurde ganz langsam meine zweite Familie. Nach den Meetings fühlte ich mich meistens stärker und selbstbewusster. Auch deshalb, weil mich niemand kritisierte oder mir besserwisserische Ratschläge gab, ging ich immer wieder hin. Durch die Anonymität fühle ich mich sicher.
In Sponsorengesprächen mit Al-Anon Freunden konnte ich meine Probleme im vertraulichen Austausch ausführlicher besprechen. Manchmal war ich auch meetingsmüde, und einmal sagte ich zu meinem damals vielleicht 14-jährigen Sohn, dass ich heute eigentlich nicht ins Meeting gehen wolle. Darauf meinte er, ich solle ruhig gehen, weil ich danach immer viel ausgeglichener sei.
Heute freue ich mich jede Woche aufs Meeting und ich möchte noch lange hingehen, obwohl ich nicht mehr viel mit der Krankheit Alkoholismus zu tun habe, aber ich kann mich in der Gruppe immer mehr selbst kennenlernen und kann andere Verhaltensweisen einüben, genau in dem Tempo, wie es für mich gut ist. Nicht zu vergessen wäre, dass ich meine Erfahrungen weitergeben kann.
Judith, eine Al-Anon

Ich lerne mich kennen

Foto einer Plastik, Mann mit FernglasAls ich vor nun 20 Jahren zu Al-Anon kam – das war zunächst reiner Zufall: ich kam an einem Haus vorbei, an dem hinter Glas ein Plakat über Al-Anon hing – war es bereits im Bewusstsein, dass in meinem Inneren eine Menge nicht stimmte. Das Gefühl, neben den eigenen Schuhen zu treten, war mir damals ein ständiger Begleiter.
Diese Konstellation brachte mir einige „Vorteile“, wenn man das so sagen kann: Es fiel mir in der Gruppe dann nicht schwer zu begreifen, dass ich für mich komme und dass ich kein Rezept zu erhoffen brauchte, wie ich meine Partnerin von ihrer Sucht kurieren kann. Und dass ich machtlos bin, leuchtete mir sofort ein. Das mit Gott kratzte mich als Agnostiker ein bisschen, zumal gerade der Dritte Schritt an der Reihe war, als ich meinem ersten Meeting beiwohnte. Aber mit der Hilfe der Gruppe überwand ich die Schwierigkeit, setzte die Natur und die Evolution an Stelle des freundlichen alten Herrn, und hatte somit etwas, an das ich glauben konnte, ohne mich dazu künstlich zwingen zu müssen, einen „Gott“, der mir freilich keinen 6er im Lotto, wohl aber Gelassenheit, Mut und Weisheit schenken könnte.
Und so ging es weiter. Von Schritt zu Schritt kam ich zu immer mehr Erkenntnissen, die mein Leben reicher machten, und in meinem Inneren – mit einer gewissen Verzögerung – setzte eine tiefgreifende Änderung ein, bei der ich nach und nach ruhiger, besonnener und selbstbewusster wurde. Ich lernte mich kennen, erkannte, dass ich ein recht liebenswürdiger Mensch bin, dass ich einiges an Qualitäten habe und dass diese nicht allein den
Anderen zugute kommen. Schließlich auch, dass ich keineswegs immer pflegeleicht und immer das Opfer bin. Langsam leuchtete mir ein, dass sich die Welt (wahrscheinlich?) doch nicht gegen mich verschworen hatte und dass ich keinen Grund hatte, ständig ängstlich auf der Hut zu sein.
Viele kleine einfache Weisheiten habe ich so im Laufe der Zeit gesammelt: Ich bin für andere reichlich unwichtig: Die Welt hat Besseres zu tun, als ständig auf meine Fehltritte zu achten. Ich weiß, was für mich gut ist, aber manchmal glaube ich es nicht. Ich bin nicht der einzige Mensch auf der

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Fortschritt statt Perfektion

Foto einer Blüte mit BieneDer Spruch “Fortschritt statt Perfektion” hilft mir, mich ein bisschen mehr zu entspannen. Es ist okay, kleine Schritt zu gehen. Für mich ist es schon ein Fortschritt, dass ich erkannt habe, dass mein Selbstbewusstsein ziemlich im Keller ist und auch, dass es mir nun gelingt, mir das einzugestehen.
Ich dachte immer mein Wert sei davon abhängig, was ich leiste oder davon, wie gut ich helfe. Ich merke, dass ich Lob manchmal ganz schlecht annehmen kann, weil es gar nicht mit dem Bild, was ich selbst von mir habe übereinstimmt. Ich bin manchmal sehr kritisch zu mir und sage mir immer eher “Das hast du jetzt aber nicht so gut gemacht“, “Das war jetzt aber schlecht von dir“. Es tut mir weh, diese innere Stimme zu hören, aber dennoch bin ich froh, dass ich diese Stimme jetzt wahrnehmen kann. Denn Probleme können ja erst gelöst werden, wenn ich sie wahrnehme. Ich möchte nicht mehr verleugnen.
Ich dachte lange Zeit, mein Selbstwertgefühl ist von der Anerkennung der anderen abhängig, aber jetzt sehe ich, dass es auf diesem Weg nicht funktioniert. Ich werde nicht glücklich, wenn ich auf die Bestätigung und das „okay“ von außen warte. Ich darf mir selbst erlauben glücklich zu sein, und das auch unabhängig davon, wie es meinen Mitmenschen geht.
Eigentlich habe ich immer gedacht: wenn die anderen sich endlich mal ändern würden und Verantwortung für ihre Sucht übernehmen würden, dann hätte ich diese Verantwortung ja nicht mehr und dann wäre vieles viel leichter. Jetzt sehe ich, dass nicht die anderen sich ändern müssen, sondern ich selbst. Ich möchte aufhören, diese Verantwortung tragen zu wollen. Sie machte mich kaputt und führte dazu, dass ich mein Leben nicht mehr meistern konnte.
Ich habe gesehen, dass das Streben nach Perfektion in meinem Leben oft Stillstand bedeutete: Bevor ich etwas verkehrt mache, mache ich lieber gar nichts. Bevor ich etwas Falsches sage, sage ich lieber gar nichts. Al-Anon zeigt mir, dass es darum geht, die kleinen Schritte zu feiern. Ich erlaube mir selbst, den Tag zu genießen und zufrieden mit mir zu sein. Heute bin ich gut genug: wertvoll, einzigartig und unperfekt.
Sophia, eine Al-Anon

Was ein schöner Sonntag

Foto mit drei TeddysHeute hatten wir Besuch von meinem Sohn, der meinem Mann bei technischen Problemen mit dem Computer hilfreich zur Seite stehen wollte.
Was ein Unterschied zu den Jahren, als wir uns als Patchwork-Familie zusammenfinden mussten. Drei durch die Familienkrankheit Alkoholismus verletzte Seelen auf dem Weg der Genesung mit Al-Anon und A.A., später dann auch noch Alateen.
Lange ist es her, dass wir Samstag für Samstag in der Küche zusammenhocken mussten, um die vergangene Woche zu reflektieren und eine Strategie für eine bessere kommende Woche gemeinsam ausarbeiteten. Wie oft habe ich neidisch aus dem Fenster auf die Leute geschaut, die in meinen Augen unbefangen auf dem Wochenmarkt als Familie einkaufen konnten. Für uns war mancher Außenkontakt eine Herausforderung, da jeder das Verhalten des anderen beäugte und natürlich unser Heranwachsender genau wusste, welche Knöpfe zu drücken waren, damit es nach seinem Willen läuft. Wir waren für einige Freunde sicher anstrengende Gäste. Der Weg zur Lösung unserer Probleme war für manchen nicht gut aushaltbar, denn wir haben miteinander danach gesucht. Wir haben nichts unter den Teppich gekehrt, sondern manchmal auch recht temperamentvoll die Unstimmigkeiten ausgefochten.
Da gab es Zeiten in denen ich mir die Frage stellte, ist dieser Aufwand die Partnerschaft wert? Meinem Partner ging es ähnlich, da er in manchen Situationen ratlos kurz vor dem Kofferpacken stand, um sein trockenes Leben nicht zu gefährden. Mein Sohn wollte auch von Zeit zu Zeit eine Trennung von uns oder mir oder meinem Partner, den er jedem als seinen Vater vorstellte. Sein leiblicher Vater war kurz vor seiner Einschulung am Alkoholismus verstorben. Wie auch immer, wir haben es geschafft bis zum Abschluss seines Studiums zusammenzuleben und haben dabei die Werkzeuge unserer Programme sehr häufig als Heil- und Hilfsmittel angewendet.

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Versöhnung ist möglich

Foto eines gelegten Herzens aus Blumen ausIch bin noch immer etwas erstaunt, dass eine Begegnung mit meinen Eltern in dieser Form überhaupt noch möglich wurde. Seit ca. 1,5 Jahren lebte ich in einer Kontaktpause zu ihnen. Das war für mich eine Entscheidung, die „lebens-not-wendig“ war, genau in diesem Wortsinn. Für mein Leben musste ich damals die Not wenden.
Zum Glück hatte ich Al-Anon schon vor einer Weile gefunden. Ich gehe regelmäßig in Meetings, arbeite in den Schritten und mit meiner Sponsorin. Somit konnte ich in dieser schwierigen Zeit weiter an der Entwicklung meiner Persönlichkeit arbeiten. Ich befreite mich Schritt für Schritt von meiner inneren Verhaftung an ein kindliches Sein, von dem früheren Hoffen auf „meine Eltern sind endlich so, wie ich es brauche und alles wird gut“.
„Wenn ich etwas tue, tut sich was für mich“ – wie wahr! Ich lernte, Verantwortung für mich zu übernehmen und Entscheidungen für mein Leben zu treffen. Nicht mehr zu hoffen und zu warten, jemand anderes würde das für mich machen…oder der andere ändert sich endlich…oder ich mache einfach die Augen zu und das Problem ist weg. Ich beendete das Zusammenleben mit meinem 20-jährigen PC-süchtigen Sohn, nahm meine Essstörung ernst und konnte auch endlich akzeptieren, dass ich nicht mehr in meinem helfenden Beruf arbeiten kann, ohne mich selbst aufzulösen.
Mit diesem späten Wachstumsweg (ich bin Mitte 50) konnte ich auch Gefühle von Zuneigung zu meinen Eltern wahrnehmen. Ich spürte meine Bereitschaft und Kompetenz, ihnen jetzt erwachsen und autonom gegenüber treten zu können; nicht mehr ihrem alkoholkranken Verhalten ausgeliefert zu sein. Ich habe meine Grenzen und trage Verantwortung dafür, sie zu schützen.

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