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Was brachte mich zu Al-Anon

Foto von steinernden Al-Anon LogoErinnerungen

ausgelöst durch Fragen in unserem Buch „Wege zur Genesung“. Was brachte mich zu Al-Anon? Was hoffte ich zu diesem Zeitpunkt zu erreichen? Wie haben sich meine Erwartungen geändert?

Ich stand im Flur, mein Partner kam von der Arbeit heim und ich gab ihm einen Willkommenskuss. War es das tatsächlich?

Nein, bei diesem Kuss atmete ich ein und kontrollierte seinen Atem. Er merkte es natürlich und schob mich weg von sich, schaute ernst und meinte: „So, nun muss ich es endlich sagen, du musst was für dich tun, sonst ziehe ich hier wieder aus. Geh‘ zu Al-Anon und kümmere dich endlich mal um dich, denn dein Verhalten ist nicht auszuhalten.“
Peng! Das saß. Ich, die ich mich immer um alles kümmerte, ihn umsorgte, damit er sich wohl fühlte und nun das.

Zweifel an meinem Handeln hatte ich nie, denn die Erschöpfung nach 14 Jahren der erfolglosen Versuche meinen Ehemann trockenzulegen, war inzwischen zum Normalzustand geworden. Mein Ehemann war ein Jahr zuvor an den Folgen seines Alkoholismus gestorben und ein neuer, schon einige Zeit trockener, Alkoholiker war in mein Leben getreten. Er war anders als der Mann, den ich im Glauben geheiratet hatte, ihn kurieren zu können. Das war mir schnell bewusst. Jetzt war ich offensichtlich das Problem, denn ich war die selbe Frau und vor allen Dingen meine Macken waren unverändert.

Eine davon war die Kontrolle. Unbewusst hatte ich den Menschen, den ich liebte auf subtile Art überprüft. Das Verrückte daran war, dass ich ihn nie trinkend erlebt hatte. Warum also kontrollieren? Die Art wie er die Lifttür aufgemacht und dann den Schlüssel ins Schloss gesteckt hatte, waren bei mir Auslöser, die alte Erinnerungen aktivierten. Poltern und stochern = betrunken. In diesem Fall aber nur volle Hände.

In der Hoffnung das neu gefundene Lebensglück nicht gleich wieder zu verlieren, ging ich also zwei Tage später in mein erstes Al-Anon Meeting. Die inneren Stimmen waren nicht zu überhören: Ob die dir da helfen können? Ist das wirklich nötig? Bei mir ist eh alles anders!
Um so mehr erstaunte es mich, dass ich nicht die einzige Frau war, die ihren Mann durch den Alkohol verloren hatte. Dann hörte ich an diesem Abend noch so seltsame Dinge wie: ich darf mich erst mal um mich selbst kümmern; ich darf anschließend mit den Freunden noch einen Kaffee trinken gehen ohne vorher daheim zu fragen; ich darf mich auch auf eine Liste setzen, auf der die Leute stehen, bei denen ich Wiedergutmachung leisten sollte. Thema war an diesem Abend der Achte Schritt. Das waren die ersten Eindrücke, die mir bis heute in Erinnerung geblieben sind.

Meine Erwartung, gleich am ersten Abend alles ändern zu können, hat sich nicht erfüllt. Es hat eine Menge Arbeit mit sich gebracht, den vorgeschlagenen Weg von Al-Anon zu gehen. Oft war ich ungeduldig und neidisch auf den Fortschritt der anderen Mitglieder oder den meines Partners. Mit der Zeit merkte ich aber auch die Veränderungen, die mir mein Leben auf eine besondere Weise zu erleichtern schienen. Ich war auf einmal nicht mehr der Nabel der Welt. Musste nicht mehr Lösungen für die Probleme anderer parat haben. Musste mir keine Sorgen mehr auf Vorrat machen.

Heute

Das Ganze ist jetzt fast 30 Jahre her. Ich gehe immer noch in die Meetings. Lese und arbeite in unseren Büchern. Gebe Sponsorschaft  (Sponsorschaft ist ein vertraulicher gegenseitiger Austausch zwischen zwei Al-Anon oder Alateen Mitgliedern im Rahmen des Al-Anon Programms)  und lerne dabei viel über mich. Mache Dienste, damit die Gemeinschaft, in der ich so viel Unterstützung erfahren habe, auch weiterhin Menschen helfen kann. Menschen, die wie ich damals gar nicht merken, dass auch sie krank geworden sind.
Der Mensch, der mir damals die Pistole förmlich auf die Brust gesetzt hat, ist immer noch mein Mann. Uns beiden bietet das jeweilige Programm eine Basis für eine gesunde und liebevolle Partnerschaft. Das funktioniert aber nur, wenn jeder von uns daran weiterarbeitet. Heute weiß ich, es ist jede Sekunde wert, die ich in ein gesundes Leben investiere.

Eine Al-Anon