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Warum gehen Angehörige und Freunde von Alkoholikern zu Al-Anon ?

EfeuWarum gehen Angehörige und Freunde von Alkoholikern in Meetings der Al-Anon Familiengruppen?

Wir kommen zu Al-Anon, weil uns das Trinken eines Partners, Partnerin, Kindes, Freundes in eine verzweifelte Lage gebracht hat.

Bei Al-Anon erfahren wir, dass Alkoholismus keine moralische Verfehlung ist, sondern eine fortschreitende Krankheit.

Einfache Sätze wie: „ich habe die Krankheit nicht verursacht“,“ ich kann sie nicht heilen“ und“ ich kann sie nicht kontrollieren“, klären unsere Verwirrung.
Das entlastet uns anfangs. Aber es gibt nicht nur einfache Antworten auf die schwierigen und komplexen Herausforderungen in einer von Alkoholismus betroffenen Beziehung.

Als Al-Anon Mitglieder haben wir einen großen Erfahrungsschatz im Umgang mit allen Arten von Schwierigkeiten, besonders in unseren Beziehungen zu problematischen Trinkern.
Indem wir Erfahrungen, Kraft und Hoffnung in gegenseitiger Unterstützung in Al-Anon Meetings teilen, entdecken wir oft neue Wege und Wahlmöglichkeiten.
Dadurch, dass wir die Prinzipien des Al-Anon Programms in unseren Leben anwenden, finden viele von uns eine innere Stärke, die positiven Einfluss auf unsere Beziehung hat.

An folgenden drei Beispielen möchte ich die Wirkung des Al-Anon Programms beschreiben.

1. Ich hatte Angst vor Konfrontation
Ich hatte Schwierigkeiten, meine eigene Position zu entwickeln und diese zu verteidigen.
Ich glaubte, immer die richtigen Worte und den richtigen Zeitpunkt zu treffen, um etwas zu sagen. Ich glaubte, damit einen Streit vermeiden zu können.
Natürlich war das Gegenteil der Fall: der Streit eskalierte.

Ich erkannte schließlich, dass meine Angst mit einem Mangel an Selbstvertrauen verbunden war und dass der größte Teil meines Ärgers daher kam, dass ich mit meinem eigenen Verhalten nicht zufrieden war.
Ich musste meinen Gefühlen gegenüber ehrlicher werden. Ich fing an zu erkennen, dass ein Schritt auf meinem Weg der Genesung ist, mir selbst gegenüber ehrlich zu sein.

2. Wir überschreiten die Grenzen anderer, lassen aber auch Grenzüberschreitungen zu.
Ich war so verstrickt in das Alkoholproblem meines Partners und der Kontrolle seines Verhaltens, dass ich mich selbst und auch meine Fähigkeit verloren hatte, klar zu denken, noch eine Entscheidung zu treffen.
Ich kämpfte viele Jahre darum, dass mein Mann mit dem Trinken aufhörte. Ich hatte alles probiert: ich bestrafte ihn indem ich nicht mehr mit ihm redete, ich drohte, ihn zu verlassen. Ich schrie und weinte.
Dann habe ich aufgegeben. Ich hatte den Tiefpunkt erreicht. Schließlich ging ich in ein Al-Anon Meeting.  Ich lernte:

  • dass es einen Unterschied gibt zwischen einem Menschen und seiner Krankheit
  • mich auf mich selbst zu konzentrieren
  • dass ich, auch wenn ich niemanden ändern kann, in meinem Zuhause und in meinem Leben Grenzen setzen kann. Ich kann mich von kranken Verhaltensweisen fernhalten und meine eigene geistige Nüchternheit wiederfinden.

3. Viele von uns entdecken, dass wir die gleichen Charaktermängel haben, wie wir sie auch an anderen erkannt und übel genommen haben.

Bei Al-Anon gibt es Werkzeuge, die Inventurschritte, die uns dabei helfen zu erfahren wer wir sind.
Mit dem 4. Schritt machen wir eine gründliche und furchtlose moralische Inventur von uns selbst. Mit dem 10. Schritt, fahren wir fort, regelmäßig Inventur zu machen, und geben es sofort zu, wenn wir Unrecht haben.
Vom ersten Meeting an werden wir daran erinnert, uns auf uns selbst zu konzentrieren und nicht auf den Alkoholiker in unserem Leben.

Die Inventurschritte bringen uns sanft ins Gleichgewicht mit uns selbst zurück und vielleicht sogar auch in unseren Beziehungen.

Während unser Selbstbewusstsein sich verändert, können wir Zuwachs an Selbstwertgefühl (ich kann mich selbst lieben, ich bin es mir wert), vermindertes Schuldgefühl und größeren Frieden in uns feststellen.
Egal, ob andere mit dem gleichen Verhalten wie zuvor weitermachen, unsere Reaktion verändert sich.
Wir treffen neue Entscheidungen, wenn wir unsere verzerrten Ideen, die unsere Wahrnehmungen gefährdet haben, loslassen.

Während wir allmählich alte Muster durch neue Ideen ersetzten, beginnen wir uns zu verändern und damit vielleicht auch unsere Beziehungen.

geschrieben von Sigrid,  Koblenz

(Artikel verfaßt zum 15-jährigen Al-Anon-Jubliäum in Rees-Haldern)

 

2 Kommentare

  1. Christine schrieb:

    Danke liebe Sigrid, Dein Beitrag spricht mir aus dem Herzen und bringt die Veränderung, um die es für mich bei Al-Anon geht auf den Punkt: wieder eine ehrliche und tiefe Verbindung zu mir selbst zu bekommen und vielleicht das erste mal eine echte Beziehung zu meinen Lieben.

    Samstag, 1. Dezember 2012 um 21 | Permalink
  2. Leora schrieb:

    Wie wahr!!!!
    Tat gut zu lesen!!!
    Vielen Dank
    Leora

    Montag, 17. Dezember 2012 um 02 | Permalink