Zurüruck zum Inhalt

Vermute guten Willen

Vermute guten Willen“ ist einer der SLOGANS von Al-Anon. Solche kurzen Sätze helfen mir weiter, denn in schwierigen Situationen können oft nur noch kleine Dinge in meine panischen Gedanken dringen und in diesen SLOGANS von Al-Anon steckt unheimlich viel Weisheit. Der Slogan „Vermute guten Willen“ hat für mich zwei Aspekte.

Der erste Aspekt ist der, dass ich mich immer daran erinnern möchte, zuerst einmal den guten Willen bei anderen Menschen zu erkennen, auch wenn ich mich vielleicht gerade über jemanden geärgert habe. Denn oft, wenn ich mich ärgere, habe ich eigene Anteile am Ärgern. Vielleicht wird mir gerade ein Spiegel vorgehalten?

Ich kann mich schrecklich über Dinge ärgern, die ich bei anderen sehe, aber mir selbst nicht erkennen kann. Ich kann dann irgendwann natürlich auch zu dem Ergebnis gelangen, dass ich mich zu recht ärgere, aber ich möchte es eben erst mal andersherum versuchen. Natürlich vertraue ich auch nicht blind allen und allem, aber bei mir bekannten Menschen versuche ich zu vertrauen. Das hilft mir, mich von dem vielen Misstrauen zu befreien, das sich in der langen Zeit des Lebens mit dem nassen Alkoholismus aufgebaut hat.

Der zweite Aspekt dieses Slogans ist, mir die Angst zu nehmen, Fehler zu machen. Denn auch ich hoffe, dass andere Menschen bei dem, was ich mache, meinen guten Willen erkennen können.

Beide Aspekte waren für mich nicht normal. Denn ich habe in der Zeit „vor Al-Anon“ alle Menschen und Zustände nach Schwarz und Weiß eingeteilt. Es gab nur kluge und dumme Kollegen, nur gute oder nur schlechte Menschen. Und ich hatte so vielen Dingen gegenüber fast krankhaftes Misstrauen. Dass man mir ständig böses wollte. Andererseits war ich auch naiv, z.B. meinem nassen Alkoholiker gegenüber. Immer und immer wieder habe ich seinen Versprechungen geglaubt, die er wegen seiner Krankheit nicht halten konnte. Mir fehlte einfach das Wissen über die Krankheit Alkoholismus.

Gleichzeitig war ich überheblich anderen Menschen gegenüber, die mal einen Fehler machten , weil ich ja alles vermied, wodurch ich welche machen konnte, denn davor hatte ich panische Angst, selber Fehler zu machen, denn dann wäre ich ja nicht perfekt gewesen. Das alles war ein sehr krankhaftes Verhalten, was mich auch viel Energie gekostet hat! Ständig musste ich auf der Hut vor Fehlern sein. Das war kein schönes Leben!

Erst durch das Al-Anon-Programm konnte ich das überhaupt erst erkennen und etwas Gesünderes lernen und üben. Denn das ist die Freiheit, die ich heute habe : ICH DARF FEHLER MACHEN !! Denn nur durch „Ausprobieren“ ist überhaupt Wachstum möglich. Ich versuche immer noch möglichst keine Fehler zu machen, will perfekt sein. Aber ich kann bereits erkennen, dass ich auch einfach mal ausprobieren darf, sonst wäre das Stillstand, der manchmal von vornherein schon ein Fehler sein kann.

Und dadurch wird mein Leben heute lebenswert. Ich habe Menschen um mich, bei denen ich so sein darf, wie ich bin. Mit allen Merkmalen, die ich als Mensch habe. Ich sage bewusst: „Merkmale“,  denn ich teile sie nicht mehr in irgendeine Wertungskategorie ein. Und genauso kann ich plötzlich die Menschen um mich herum ganz anders erkennen, kann sehen, wie liebenswert mir die meisten sind. Wie sie sich manchmal selbst im Wege stehen, ohne das zu werten, da ich auch die ganzen anderen Merkmale meine Freunde sehen. Und dadurch ist unendlich viel warme Nähe zwischen uns entstanden, die mir das Leben richtiggehend befreit haben. Bin ich froh, dass ich Al-Anon gefunden habe!

Ein Kommentar

  1. Nele schrieb:

    Danke für deine Worte! Ich finde diesen Slogan auch sehr hilfreich, um mich von Misstrauen zu befreien!
    Es geht ja nicht daarum irgendwie blauäugig naiv zu werden,sondern dass ich mir selber das Leben leichter mache, wenn ich nicht überall einen negativen Hintergedanken bei anderen vermute!

    Samstag, 12. Februar 2011 um 00 | Permalink

Ein Trackback/Pingback

  1. Al-Anon Blog › Slogan: Mach´s nicht kompliziert on Freitag, 11. Februar 2011 um 14

    […] Heute weiß ich, es war eine Torheit, krampfhaft zu versuchen, Knoten durchschlagen zu wollen, ohne das richtige Werkzeug zu benutzen. Dieses Werkzeug wurde mir erst durch Al-Anon an die Hand gegeben. Ich kann damit Schwierigkeiten und Herausforderungen Schritt für Schritt angehen. Dort, wo ich früher den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sah und sehr oft aus einer Mücke einen Elefanten machte, halte ich mir heute erst mal den Gelassenheitsspruch vor Augen und sage mir „dramatisiere nichts“, „halte den Ball flach“, „Mach´s nicht kompliziert“ und entscheide heikle Dinge möglichst erst, nachdem du eine Nacht darüber geschlafen hast. Ausgeruht habe ich einen besseren Überblick, als wenn ich müde, abgehetzt und nervös bin. Aber eines habe ich mir auch angewöhnt: ich schiebe möglichst nichts längere Zeit vor mir her – wie gesagt, außer in Situationen, in denen ich besonders angespannt bin. Ich treffe Entscheidungen und mache es dann; selbst auf die Gefahr hin, dass ich Fehler mache. Fehler machen schließlich alle, die etwas tun und auch ich darf erwarten, dass mir meine Mitmenschen guten Willen unterstellen. […]