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Veränderung durch Bewusstsein, Bereitschaft und Bewegung

Abbildung: Zerrbild von Blumen auf einem TischLiebe Freunde, ich bin Hubert, gehöre zu Al-Anon und möchte mit Euch einige Gedanken zu diesem Thema teilen.

Mir sind immer noch die Bilder vor Augen, die ich anlässlich eines Vortrags gesehen habe. Besonders beeindruckt haben mich die projizierten Zerrbilder, welche die verschleierte, benebelte und eingeschränkte Sicht eines Alkoholikers offenbarten. Die Wirkung dieser Bilder wurde durch eine verwirrende, geisttötende Musik unterstrichen.

Weshalb sind mir diese verschwommenen Wahrnehmungen eines Alkoholkranken so nahe gegangen? Weil ich selbst an der Familienkrankheit Alkohol erkrankt war. Erkrankt waren mein Bewusstsein, meine Bereitschaft und meine Bewegung (Aktivität). Zehn Jahre hat sich durch die Alkoholabhängigkeit meiner Frau eine Krankheit in mir ausgebreitet, die sich wie eine Lähmung auf die drei „B’s“ –wie ich sie hier nennen will – ausgewirkt hat.

Bewusstsein

Ein lieber Freund, mit dem ich zu meiner gesunden Zeit eine Wanderung durch den Frühlingswald machte, sagte mir: „Hubert, wir erfahren jetzt eine Bewusstseinserweiterung“. Wie Recht er hatte! Die Luft war angefüllt von Blütenduft, überall war Vogelgezwitscher zu vernehmen, das Auge wurde von zartem Grün verwöhnt, die Füße spürten den federnden Waldboden und fast meinte ich, etwas von dieser herrlichen Natur schmecken zu können.

Das bedeutet für mich Bewusstsein pur, wenn alle Sinne offen für das Leben und für die Schönheit sind.
Lange Zeit war dieser Zustand überlagert vom Einfluss des Alkohols wegen der Abhängigkeit meiner Frau von dieser Droge. Denn auch ich „stand total neben mir“, weil ich von dieser Familienkrankheit mit erfasst worden war. Wenn ich in dieser Zeit durch einen Frühlingswald gewandert wäre, so hätte ich wohl nur einen geringen Bruchteil von dem wahrgenommen, was ich als Gesunder erleben durfte. Durch die Krankheit waren meine Antennen für das Schöne verkümmert. Mir fällt hierbei das Bild einer Schnecke ein, die sich schmerzhaft in ihr Haus zurückzieht, wenn sie sich bedrängt fühlt.

Heute, nachdem sich die Krankheit für uns beide in einem Genesungsprozess befindet, darf ich sagen, dass mein Bewusstsein wieder das volle Spektrum – die Gesamtheit meines Erlebens umfasst. Wenn ich heute in einer klaren Nacht unter dem Sternenhimmel stehe, habe ich manchmal den Eindruck, ich mache eine Reise in die Unendlichkeit.

Und eines ist mir außerdem klar geworden, ein ungetrübtes Bewusstsein bedeutet für mich die Wurzel für ein erfülltes Leben. Wenn ich dagegen nur verschwommene Wahrnehmungen habe, so wie die anfangs erwähnten in Nebel getauchten Bilder, sind meine Wurzeln wie eingefroren und ich bin nicht in der Lage etwas Konkretes in mich aufzunehmen.

Bereitschaft

Foto: Spinne im NetzWenn mir jemand die Frage stellt: „Bist du bereit?“, dann bedeutet diese Frage für mich: Richte alle deine Sinne auf ein bestimmtes Ziel. Diese Art der Bereitschaft vergleiche ich mit einem Bogenschützen, der konzentriert sein Ziel anvisiert. Der Bogenschütze wird sich zunächst orientieren (Gelände, Seitenwind usw.), dann den Bogen in die richtige Stellung bringen und die Sehne seines Bogens spannen. Jetzt ist er bereit den Pfeil abzuschießen. Übertragen auf mich und meine Lebensgestaltung als Angehöriger einer Alkoholikerin, hat ein solcher Vergleich gewisse Parallelen.

Angenommen, mein Ziel ist, den vor mir liegenden Tag sinnvoll zu gestalten. Das heißt vor allem, ich möchte ihn selbstbestimmt strukturieren. Zunächst muss ich mich aber orientieren, ob all das, was für mich wichtig und von Bedeutung ist, darin seinen Platz hat; ob ich genug Zeit dafür habe und ob mein Vorhaben realistisch ist. Ich möchte vor allen Dingen beachten, dass ich ganzheitlich etwas für meinen Körper, für meinen Geist und für meine Seele tun will. Ich möchte anstehende Aufgaben zielgerichtet anpacken, meinen Mitmenschen aufgeschlossen begegnen und mich möglichst durch Nichts, was ich nicht unbedingt hinnehmen muss, ablenken lassen. Entscheidend ist für mich vor allem, ich muss mich im positiven Sinne auf die in mir angelegten Kräfte und Fähigkeiten besinnen und mir sagen: „Ich kann das“. Und wenn ich dieses noch mit dem bestärkenden Bewusstsein in Verbindung bringe, allzeit von einer „Höheren Macht“ umgeben zu sein, kann ich mir vorstellen, auf mein Ziel hingeführt zu werden.

Ein zweites Beispiel für Bereitschaft stellt sich für mein Leben mit der Frage, wie lasse ich mich auf das Programm von Al-Anon ein? Bin ich bereit einen stetigen Einsatz zu bringen, der über eine Beliebigkeit hinausgeht? Bin ich bereit einen Dienst zu übernehmen? Was strebe ich an; was ist mein Ziel bei Al-Anon? Bin ich etwa zu selbstsüchtig, wenn ich mich für diese Gemeinschaft und ihre Mitglieder auch deshalb einsetze, um selbst gesund zu werden und zu reifen? Bedeutet das etwa, ich habe zu wenig Demut? Zugegeben, die letzten beiden Fragen sind nicht einfach für mich zu beantworten. Ich denke, die Antwort hierzu wird mir eine andere Instanz einmal geben. Bin ich außerdem bereit, mich auf Gespräche und Gedanken einzulassen, die mich derzeit nicht interessieren, weil mir ein anderes Thema auf den Nägeln brennt? Alle diese Fragen zeigen mir, dass sich Bereitschaft nicht automatisch einstellt, sondern dass vorher manches „gewachsen“ und geklärt sein muss.

Bereitschaft bedeutet für mich das Geschenk, ein Werkzeug zu bekommen, mit dem ich etwas bewegen kann und verändern will. Bin ich bereit, mich selbst zu verändern, dann kann ich mich in Bewegung setzen und beginnen mein Leben neu gestalten.

Bewegung

Foto: FlussBewegung bedeutet für mich Leben: Dynamik, Veränderung und Entwicklung. Als naturnaher Mensch, ist das Wasser für mich das einprägsamste Sinnbild von Leben und Bewegung: vom Wassertropfen zum Rinnsal, vom Rinnsal zum Bach, vom Bach zum Fluss, vom Fluss zum Meer, vom Meer zur Wolke – Wasser befindet sich immer in besonders auffälliger Weise in einer Kreislaufbewegung und im Wandel. Und der griechische Naturphilosoph Thales glaubte sogar, alles Leben käme aus dem Wasser und wird wieder zu dem gleichen Stoff, wenn es in Auflösung übergeht.

Denke ich über mich nach, so bin ich erst zufrieden, wenn sich in meinem Leben etwas tut oder bewegt. In besonders schönen Augenblicken meines Lebens fühle ich mich als ein unvorstellbar kleiner Teil einer gigantischen kosmischen Bewegung. Das ist für mich ein ergreifendes und zugleich beglückendes Gefühl. Dabei betrachte ich nicht nur den unermesslichen Kosmos mit seinen Sternenwelten; auch der Mikrokosmos meines Körpers stellt sich mir in einer dauernden Bewegung und Veränderung dar. Und mir wird klar, irgendwann werde auch ich mich wieder auflösen und in anderer Form zurückgeführt werden in den großen kosmischen Kreislauf.

Heute habe ich noch Anteil am Alltäglichen: an meiner Arbeit, meiner Familie, meinen Kindern, meinen Freunden und meiner gesamten Umwelt. Und nicht zuletzt habe ich Anteil, an einer Bewegung, die sich Al-Anon nennt. Und diese Bewegung hat neuen Lebensschwung in mein Dasein gebracht; einem Leben, das eine lange Zeit wie eingesperrt war und sich wie eine eingezwängte Pflanze nicht entwickeln konnte.
Wenn ich heute am Morgen auf meinem Heimtrainer in Bewegung bin, dann bringe ich meinen Körper in Schwung. Wenn ich mir die Muße nehme etwas zu lesen, über etwas nachzudenken oder mich an einem Gespräch beteilige, kommt mein Geist in Bewegung. Und wenn mir zum Beispiel mein geliebter Hund in die Augen (und damit in die Seele) blickt, drücke ich ihn vor Glück ganz fest an mich und meine Seele genießt bewegt seine Wärme und Zuneigung.

Die drei B’s: Bewusstsein, Bereitschaft und Bewegung haben auch sehr viel mit Gnade zu tun. Zum Bewusstsein gehört Wahrnehmung; zur Bereitschaft gehört Wollen und zur Bewegung gehört das Tun. Deshalb bedeutet es für mich eine Gnade, wenn ich sagen darf: „Ich nehme wahr, ich will heute etwas tun“.

Ein Kommentar

  1. Rosemarie schrieb:

    Hallo, Hubert,
    danke für Deinen Beitrag „drei B´s“ – ich kann ihn ganz unterstreichen. Ja, durch Al-Anon habe ich gelernt auch wieder Kleinigkeiten / Gänseblümchen zu sehen und mich daran zu freuen!
    g24h
    Rosemarie

    Mittwoch, 15. Dezember 2010 um 09 | Permalink