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Unser gemeinsames Wohlergehen

WirErste Tradition: Unser gemeinsames Wohlergehen sollte an erster Stelle stehen; persönlicher Fortschritt für möglichst viele hängt vom Einigsein ab.

Unser?
Wer gehört dazu?
Jeder, der unter dem Alkoholismus eines nahestehenden Menschen leidet oder gelitten hat.

„Gemeinsames Wohlergehen“?  Wie erreichen wir das? Nach meinem Empfinden entsteht es dadurch, dass ich ganz schnell erkenne, dass alle am Tisch gleiche oder ähnliche Erfahrungen im Zusammenleben mit einem oder mehreren Alkoholikern gemacht haben bzw. machen müssen. („Am liebsten hätte ich ihn die Treppe heruntergestoßen!“ – „Was? Du auch?“ Wie befreiend sind derartige Erfahrungen.)

Mir haben diese Erfahrungen, dass ich nicht allein damit bin, sondern alle ähnliche Erfahrungen gemacht haben, das „Wir-Gefühl“ geschenkt.
Was ist das für eine Erleichterung, schlimmste Dinge, die – wie ich es damals schilderte – mir meine Alkoholiker angetan hatten, zu teilen und Rückmeldungen zu bekommen, dass andere ähnliche Erfahrungen gemacht hatten und selbige von ihnen zu hören.

Niemand sagt mir, was ich tun muss, um etwas zu ändern.
Anfangs irritiert  mich das. Aber es war angenehm, dass mir niemand sagte: „Du musst………….“
So habe ich ganz schnell begriffen, dass keiner von uns klüger als ein anderer ist.

Ich bin heute noch besonders dankbar, wenn ein guter Gedanke von einem Menschen kommt, der ganz neu in Al-Anon ist.
Ich brauche  immer wieder das Teilen der Freunde, die gerade erst zu Al-Anon gefunden haben.
Sonst ist mein Risiko, Rückfälle in mein altes Verhalten zu bauen, noch viel größer, als es eh wohl Zeit meines Lebens bleiben wird.

„Hör einfach hin, was wir gemacht haben; vielleicht ist da etwas dabei, was du ausprobieren möchtest!
Ob das, was bei meinem Alkoholiker funktioniert hat auch bei deinem funktioniert, das kann keiner wissen.“

Ich war begeistert von dem, was eine Frau erzählte, was sie gemacht hatte und dass ihr Mann seit dem nicht mehr gesoffen hat und von sich aus zur Therapie fuhr!
„Das mache ich auch so!“, dachte ich und tat es. Aber bei meinem Mann hat das nicht funktioniert…. (Mit den Worten: „Hier! Sauf dich tot! Dann sind wir dich endlich los!“ hatte sie ihm eine Kiste Bier und eine Flasche Schnaps auf den Tisch gestellt, die Kinder geschnappt und war mit ihnen für ihren Mann unauffindbar verschwunden.)

Solche Erfahrungen halfen mir zu begreifen, dass es wohl so viele Wege zur Genesung gibt, wie es Menschen gibt, die unter dem Alkoholismus eines nahestehenden Menschen leiden. Dennoch sind unsere Wege irgendwie gleich……………

Was habe ich in der Anfangszeit die Lebensgeschichten in unserer Literatur verschlungen!
Und in jeder stand etwas, was bei mir ganz genauso war!
Es stand aber auch die Lösung in den Lebensgeschichten: Also wird es – auch wenn das für mich damals unvorstellbar war – auch für mich eine Lösung geben.

Genauso, wie ich einen Alkoholiker nie werde verstehen können, kann mein Empfinden auch kein Alkoholiker oder Therapeut, der es nicht aus eigenem Erleben kennt, verstehen.
Das „Wir“ in Al-Anon schützt uns vor Menschen, die das, was „wir“ erlebt haben, nicht aus eigenem Erleben kennen und mir beibringen wollen, was ich tun muss, damit ich nicht mehr unter dem Alkoholismus eines nahestehenden Menschen leide. Das  funktioniert nicht.

Wenn ich das tue, was ein anderer mir sagt, dass ich es tun müsste, dann habe ich die selbe Struktur, wie in alkoholkranker Familie.
Wenn ich mit Hilfe der Freunde („Wir“) an den Tischen und unserem Genesungsprogramm etwas für mich tue, dann kann ich das, was im Zwölften Schritt als ein Ziel steht, erreichen: „Lebensfreude“!

Eine  Al-Anon