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Über die Liebe

Foto, Wiese mit GartenstühlenEs ist schon einige Jahre her. Ich war selbstständig tätig, verdiente gut, war verheiratet, wir hatten zwei gesunde Kinder.

Der Kontakt zu Eltern und Schwiegereltern war ausgezeichnet. Freunde hatten wir zwar so gut wie keine, aber alles schien sich „im grünen Bereich“ abzuspielen. Für so manchen waren wir sicherlich eine Vorzeigefamilie.

Und dann erkrankte ich, musste meinen Beruf aufgeben, konnte nicht mehr der Ernährer meiner Familie sein. Das war hart. Zugleich fiel eine Riesenlast von mir ab, hatte mir der Zwang, erfolgreich sein zu müssen, doch sehr zugesetzt.

Ein Jahr darauf erklärte mir meine Frau, dass sie ein Alkoholproblem habe, dass sie deshalb die Meetings der A. A. besuche und dass sie ausziehen werde. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Ich hatte von einem Alkoholproblem meiner Frau nichts mitbekommen. Kein Lallen, keine Fahne, kein unsicherer Gang, keine Alkoholvorräte, die verdächtig schnell geschwunden wären.

Hatte ich von alledem nichts bemerkt, weil es nichts zu bemerken gab, oder hatte ich einfach nur keine Augen für die Veränderungen an und mit meiner Frau?
Und warum ausziehen? Was hatte ich ihr getan? Was hatte ich denn falsch gemacht? Das musste alles irgendwie ein großes Missverständnis sein. Das
würde sich sicherlich irgendwie alles wieder einrenken, dachte ich.

Sie zog aus, in eine Wohnung am gleichen Ort. Wir behielten Kontakt. Und eines Tages erwähnte sie, dass ihr der Besuch der A. A. -Meetings sehr gut täte und das es so etwas auch für Angehörige von Alkoholkranken gäbe und das sie sich vorstellen könne, dass das was für mich sein könne.

Ich nahm’s zur Kenntnis und dachte mir, dass ich bei mir keinen Bedarf sähe, eine solche Gruppe aufzusuchen. Warum auch? Sie hatte ein Problem, aber ich doch nicht.
Sie sprach das Thema nicht wieder an und vielleicht gerade deshalb blieb es mir im Kopf. Soviel war mir klar: meine Frau hatte diese Bemerkung nicht einfach so dahin gesagt, sie hatte sich etwas dabei gedacht. Sie hatte meine Neugier geweckt.
Und eines Tages machte ich mich auf den Weg, eines dieser Meetings zu besuchen.

Nein, nicht weil ich in Not gewesen wäre oder überhaupt ein Problem bei mir erkannt hätte – es war die Neugier, die mich zu dieser Gruppe trieb.

Ich erreichte einen Vorraum und mir kam ein kleiner Mann mit Schnauzbart entgegen, der zwei dampfende Kaffeekannen trug und freundlich lächelte. „Ob ich hier richtig sei?“ fragte ich ihn und er bestätigte es lachend und bat mich, schon mal in den Raum zu den anderen zu gehen und mir einen freien Platz zu suchen.

Das Meeting begann, ich hörte aufmerksam zu, sagte wohl auch etwas zu meiner Person als ich in der Gefühlsrunde an der Reihe war. Vieles, von dem, was dann geteilt wurde, verstand ich nicht so recht. Was mir gut gefiel, war der Umstand, dass niemand um sein Wort kämpfen musste. Wer etwas teilen wollte, gab dem, der durch das Treffen führte, einen kurzen Fingerzeig. Der Vorname wurde notiert und jeder kam der Reihe nach dran. Der eine sagte mehr, der andere weniger. Und niemand unterbrach. Niemand kommentierte. Niemand bewertete. Niemand lachte oder machte dumme Bemerkungen.

Das war ich nicht gewohnt und es gefiel mir. Als mein erstes Meeting zum Ende gekommen war und sich alle bereit machten, den Raum zu verlassen, sprach mich eine Teilnehmerin an und sagte mir, dass sie sich freuen würde, wenn ich wieder käme, denn sie bräuchten mich.

Ich verstand nicht. Wieso brauchten sie mich? Sie bekamen doch keinen Eintritt von mir, es wurde kein Mitgliedsbeitrag fällig, an mir gab es doch
nichts zu verdienen. Ich hatte mich auch zu nichts verpflichten müssen. Was sollte ich schon haben, dass für diese Menschen wichtig wäre?

Aber es war ein gutes Gefühl, das mich auf dem Nachhauseweg begleitete. Irgend etwas hatten diese Menschen, die ich nicht kannte und die mich nicht kannten, was mich angesprochen hatte. In der nächsten Woche kam ich wieder und in der Woche darauf und das nun schon seit vielen, vielen Wochen. Inzwischen weiß ich, was ich dort gefunden hatte, ohne es zunächst benennen zu können:

Ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben von fremden Menschen bedingungslos angenommen, so wie ich war. Und je mehr ich von mir teilte und je schambesetzter es war, desto größer wurde dieses wärmende Gefühl, das diese Gemeinschaft mir vermittelte. Und ich begann mich über mich zu wundern. Meine Überheblichkeit, mit der ich so gerne auf andere herab blickte – hier war sie verschwunden. Ich erlebte so viel bedingungslose Offenheit, ein solches großes Maß an Vertrauen… und konnte es erwidern. Mir widerfuhr Liebe. Niemand wollte mich hier verändern, keine Ratschläge erteilen.

Durch das Teilen der anderen wurden mir Spiegel vorgehalten und es war oft schmerzhaft, mich in ihnen zu erkennen und es tat gut, ein Teil dieser Gemeinschaft geworden zu sein. Die Meetings haben mir die Türe zu mir selbst, zu meiner Seele, zu meinem Herzen geöffnet. Von Meeting zu Meeting ein Stückchen mehr. Ich durfte meine Höhere Macht kennen lernen und fand mit Hilfe der anderen meinen Schlüssel, meinen Slogan, der auf alle meine Problem-Schlösser passte und immer wieder passt: „Jürgen, heb‘ deinen A…. und tu‘ was!“.

Die Meetings haben mich ermutigt, mich überhaupt mit mir zu beschäftigen und eines Tages auch die Hilfe einer Gesprächstherapie in Anspruch zu nehmen.
Heute weiß ich, was die Meetingsteilnehmerin gemeint hatte, als sie damals behauptete, dass die Gruppe mich bräuchte. Heute bin ich dankbar, dass ich es Neuen in unserer Mitte ebenfalls sagen darf; daß ich ein Puzzlestein im großen „Bild“ Al-Anon sein darf, in diesem Bild, das niemals fertig wird und wo stets der Weg das Ziel ist. Und ich bin meiner Höheren Macht dankbar, dass der Kontakt zu meiner früheren Frau auch nach unserer Scheidung und ihrer Wiederverheiratung geblieben ist und wir uns auf Augenhöhe mit Respekt und liebevoll begegnen können.

Al-Anon hat mich reich gemacht. Und dieser Reichtum wächst, je mehr ich davon teile. Danke euch allen, die ihr mich auf meinem Weg begleitet habt und noch begleitet und dir ihr mir die wundervolle Kraft eurer bedingungslosen Annahme geschenkt habt und schenkt.

Gute 24 Stunden wünscht euch
Jürgen, zu Al-Anon gehörend

Ein Kommentar

  1. Hubert schrieb:

    Lieber Jürgen,

    ein sehr schöner Beitrag! Ich habe ihn mehrmals gelesen und mich entschlossen, in unserem Meeting darüber zu teilen. Er macht Mut: zu kommen, zu wachsen und zu bleiben.
    Besonders gefallen hat mir, dass Du sagst, es habe Dir gut getan, dass „niemand um sein Wort kämpfen musste“. Wo gibt es das heute noch, dass Menschen sich zurücknehmen, gut zuhören, nachdenken, bevor sie selbst reden und in Liebe auf andere eingehen?

    Schön auch, dass Du erwähnst, dass wir uns freuen dürfen, wenn Freunde(innen) wiederkommen. Denn es wird in unserer computer-getakteten Zeit ja immer schwieriger, freiwillig bei einer Sache zu bleiben, sich einzubringen und sich eventuell auch noch in Diensten zu engagieren.

    Ich danke Dir und grüße Dich ganz herzlich
    Hubert

    Montag, 22. Juni 2015 um 15 | Permalink