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Toleranz und Familienkrankheit Alkoholismus

Foto eines PapageisAls Angehöriger eines alkoholkranken Menschen bin ich als Mitbetroffener selbst krank. Jeder, der von dieser Krankheit betroffen war oder noch ist, weiß über die Gefahr, wie sehr sie unser Gesichtsfeld einengt, unsere Lebenskräfte schwächt , uns aus dem Gleichgewicht bringt und uns unsere persönlichen Bedürfnisse vernachlässigen lässt.
So lange ich wie gebannt auf den Alkoholiker blicke, ihn mit Schuldzuweisungen überhäufe, ihn ändern und von seiner Sucht befreien will, kann ich als Angehöriger nicht genesen. Im Gegenteil, ich gerate immer tiefer in das Labyrinth des Leidens.
Den Partner mit seiner Krankheit so gelten zu lassen, wie er ist, setzt voraus dass ich bereit bin, etwas über die Zusammenhänge und Auswirkungen dieser körperlich, geistig und seelischen Störung zu begreifen. Dieses Geltenlassen des Anderen in seinem krankhaften Verhalten, erfordert im Angehörigen einen Lernprozess.

Deshalb bedeutet Toleranz für mich eine aktive Einstellung.
Um tolerant zu sein, müssen die Grenzen dessen, was nicht tolerierbar ist, festgelegt werden.

Ein Schriftsteller sagt : „Toleranz wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt.“ Doch wo sind beim Alkoholismus die Grenzen des Tolerierbaren für den Angehörigen erreicht? „Toleranz ist gut, aber nicht gegenüber dem Intoleranten“.

Dieser Ausspruch eines Dichters, weist auf diese Grenzen hin: Begegnet mir der Alkoholiker mit Intoleranz, zeigt mir gegenüber eine menschenverachtende Haltung oder ein unannehmbares Verhalten, so darf ich ein solches Verhalten nicht in Kauf nehmen – nicht tolerieren.

Hier ist ein konsequentes Reagieren angesagt, um dem Alkoholiker unmissverständlich vor Augen zu führen, dass sein Verhalten nicht hingenommen wird.
Das hört sich zunächst einleuchtend an. Doch es gibt in der Beziehung zwischen Angehörigem und Alkoholiker einen entscheidenden Schwachpunkt; das habe ich erfahren müssen. Dieser liegt darin, dass der nasse Alkoholiker logische Zusammenhänge kaum mehr erkennen kann. Er kann daher auch nicht wahrnehmen, was das konsequente Verhalten des Angehörigen für reale Folgen für ihn haben könnte. Der Stoff vernebelt sein Verständnis.

Selbst in den lichten Momenten, in denen er nüchtern ist, sind für ihn die Einsicht und das Zugeben seines Fehlverhaltens blockiert. Warum? – weil sein Denken viel zu sehr um die Wiederbeschaffung seines Stoffes kreist und auch deshalb weil seine geistigen Fähigkeiten durch das Zellgift Alkohol bereits geschädigt sind.
Insider wissen, dieser Teufelskreis kann nur vom Alkoholiker selbst durchbrochen werden indem er bereit ist, sich Hilfe zu holen.

Hilfe, die er jedoch nicht beim Angehörigen suchen sollte, denn dieser ist meistens selbst von der Familienkrankheit Alkoholismus zu sehr mitbetroffen. Ein Blinder kann eben einem anderen Blinden nicht den Weg zeigen.
Mit Toleranz allein ist also dem Alkoholismus des Partners nicht beizukommen. Auf diese grundlegende Einsicht der Machtlosigkeit weist der 1. Schritt des Al-Anon Programmes deutlich hin. Fehlt diese Einsicht beim Angehörigen, führen ihn falsch verstandene Nachsicht und übermäßiges Verständnis in eine verhängnisvolle Sackgasse und nicht selten zur Selbstaufgabe und Selbstverleugnung.
Der Toleranzgedanke ist im Liebesgebot sämtlicher Weltreligionen verankert. Die Liebe als die stärkste seelische Kraft kann die Waagschale der Alkoholkrankheit zum Positiven ausschlagen lassen.
Liebe. Entscheidend ist hier aber nicht die Liebe zum Alkoholiker, sondern die Liebe zu sich selbst.
In dem wunderschönen Gedicht eines Komikers heißt es hierzu: „Als ich mich zu lieben begann, erkannte ich, dass mich mein Denken armselig und krank machen kann. Als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte, bekam der Verstand einen wichtigen Partner …..“

Herzenskräfte anfordern bedeutet, sich selbst und seine seelische Mitte zurück zu erlangen; zu sich selbst von Herzen gut zu sein und sich von krankmachendem Denken zu befreien – loszulassen.
Der Al-Anon Slogan „In Liebe loslassen“ will mir aber nicht sagen, den Partner loszulassen – ihn in die Wüste zu schicken, bzw. sich um jeden Preis von ihm zu trennen. Gemeint ist – so verstehe ich das – das Loslassen des armseligen und krankmachenden Denkens , Helfens und Sorgens für den Alkoholiker.

Indem ich als Angehöriger in Selbstliebe für mich sorge, wirkt sich mein Verhalten entscheidend auf mein Umfeld und somit auch auf den Alkoholiker aus. Mein Denken als Angehöriger kann mich selbst und mein Umfeld entweder beschränken oder zur Entfaltung bringen.
Toleranz ist Harmonie über Unterschiede hinweg, wenn dabei die Grenzen gewahrt bleiben.
Selbstliebe befreit von allem, was nicht gesund ist und einen hinunterzieht – weg von sich selbst.
Gute 24 Stunden wünscht Hubert, ein Al-Anon

Ein Kommentar

  1. Iris schrieb:

    Sehr klarer und schöner Beitrag.

    Sonntag, 2. Oktober 2016 um 14 | Permalink