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Slogan: Mach´s nicht kompliziert

Die Einfachheit unserer Slogans ist es, was sie so effektiv macht. Auch große Philosophen und Denker haben erkannt: Im Einfachen liegt das Klare und Überzeugende. Walter Rathenau hat diese Erkenntnis in den schönen Spruch gefasst „Das Größte und Wunderbarste ist oft das Einfachste“.

Das klingt alles so überzeugend. Und trotzdem war in der dunklen Zeit, in der der Alkoholismus meiner Frau auch mein Leben vergiftet hat, vieles so kompliziert, beängstigend und erdrückend. Es gab Situationen, in denen ich gelähmt vor Problemen stand, wie vor einem kolossalen Hindernis, einem unüberwindbaren Berg. Mein Blick für das Nächstliegende, das Einfache, war verstellt. Und wenn ich dann etwas tat, war es meistens falsch und die Schwierigkeiten wurden nicht kleiner sondern größer.

Heute weiß ich, es war eine Torheit, krampfhaft zu versuchen, Knoten durchschlagen zu wollen, ohne das richtige Werkzeug zu benutzen. Dieses Werkzeug wurde mir erst durch Al-Anon an die Hand gegeben. Ich kann damit Schwierigkeiten und Herausforderungen Schritt für Schritt angehen. Dort, wo ich früher den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sah und sehr oft aus einer Mücke einen Elefanten machte, halte ich mir heute erst mal den Gelassenheitsspruch vor Augen und sage mir „dramatisiere nichts“, „halte den Ball flach“, „Mach´s nicht kompliziert“ und entscheide heikle Dinge möglichst erst, nachdem du eine Nacht darüber geschlafen hast. Ausgeruht habe ich einen besseren Überblick, als wenn ich müde, abgehetzt und nervös bin. Aber eines habe ich mir auch angewöhnt: ich schiebe möglichst nichts längere Zeit vor mir her – wie gesagt, außer in Situationen, in denen ich besonders angespannt bin. Ich treffe Entscheidungen und mache es dann; selbst auf die Gefahr hin, dass ich Fehler mache. Fehler machen schließlich alle, die etwas tun und auch ich darf erwarten, dass mir meine Mitmenschen guten Willen unterstellen.

Vor kurzem erlebte ich folgendes mit einem Bekannten, der gerne schnell Auto fährt. Dabei verursachte er fast einen Unfall und der betroffene Verkehrsteilnehmer beschimpfte ihn heftig und auch grob wegen seines Verhaltens. Ja, er drohte sogar rechtliche Konsequenzen an.

Die Auseinandersetzung hätte leicht eskalieren können. Aber die Sache ging durch Besonnenheit zum Glück ganz anders aus. „Ich habe einen Fehler gemacht; es tut mir leid, dass ich sie gefährdet habe. Ich bin auch nur ein Mensch, hatte heute einen miesen Tag und war im Moment etwas abgelenkt“. Mit diesem einfachen Geständnis nahm der Schuldige den Dampf aus dem Kessel.

Sein aufgebrachtes Gegenüber war über dieses Schuldgeständnis derart verdutzt, dass er im weiteren Verlauf des Gesprächs sogar zugab, sich selbst auch schon falsch verhalten zu haben und dass er froh gewesen ist, dass dabei nichts Schlimmes passiert sei.

Es funktioniert – und nicht nur im Straßenverkehr. Durch Besonnenheit und Gelassenheit verlasse ich den komplizierten Weg und entscheide mich für Entspannung, Ausgleich und Annäherung. Doch ich muss auch den Mut aufbringen, Dinge zu ändern, die ich an mir selbst ändern kann. Nämlich zuzugeben, dass ich ein Mensch mit Fehlern bin.

Im Zusammenleben mit dem Alkoholiker bin ich früher oft überheblich gewesen. Der Alkoholiker hat damals aus meiner Sicht alles falsch gemacht und was ich tat – so glaubte ich – war alles richtig. Heute glaube ich das, dank Al-Anon nicht mehr.