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Schutzlos ausgeliefert …?

Foto: TrauerweideAuf einer Pferdekoppel eines Bekannten steht ein Baum. Es ist eine stattliche Trauerweide. Früher, wenn ich mit meinem Hund spazieren ging, bin ich gerne vor diesem Baum stehen geblieben. Besonders im Frühjahr, wenn der erste grüne Schimmer in seinen Zweigen erschien, war er für mich der erste Bote des erwachenden Lebens.

Heute aber steht er nackt und vertrocknet da – er ist tot. Pferde haben seine ungeschützte Rinde samt dem Bast rundherum abgefressen. Damit war er von dem lebenspendenden Saft abgeschnitten und musste verdorren. Eine Umhüllung des Stammes mit Maschendraht hätte das verhindern können, doch ohne diese war der Baum der Beschädigung schutzlos ausgeliefert.

Wenn ich heute vor diesem verdorrten Baum stehe, erkenne ich gewisse Ähnlichkeiten zu einem Lebensabschnitt von mir, der erst durch Al-Anon eine neue Richtung erfahren hat.

Auch für mich gab es eine Zeit, in der ich mich entfalten konnte und mitten im Leben stand. In einer Zeit, in der ich – wie der gesunde Baum, die Natur und meine Umwelt im Wechsel der Jahreszeiten mit all meinen Empfindungen wahrnehmen konnte.

Doch dann trat etwas Heimtückisches und Zerstörerisches in mein Leben. Lange Zeit wusste ich nicht, wie ich mich dagegen wehren sollte. Es war der Alkohol, der in zunehmender Form von meiner Frau Besitz ergriff. Auch mein eigenes Leben veränderte sich dadurch stetig, weil ich vergaß, mich um mich selbst zu kümmern. Stattdessen lebte ich immer mehr das Leben des Alkoholikers. Heute im Nachhinein erkenne ich, wie heimtückisch diese Krankheit sich in mir ausbreitete. So, wie der Baum wurde ich stückchenweise vom Lebensstrom abgeschnitten. So, wie die Pferde langsam die Rinde vom Stamm des Baumes abschälten, so fraß die Familienkrankheit Alkoholismus – anfangs kaum wahrnehmbar – an meiner Lebensenergie.

Es dauerte lange Zeit, bis ich merkte, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ähnlich wie der Baum, der spürte, dass seine Lebenskraft nachließ, zog ich mich immer mehr auf mich selbst zurück. Die Umwelt interessierte mich kaum noch, ich fühlte mich nur noch elend und hatte an nichts mehr richtig Freude.

An diesem Punkt meines Lebens trennen sich die Vergleichbarkeiten zwischen mir und dem sterbenden Baum. Denn während die Rinde des Baumes bis zum bitteren Ende rundum geschält wurde und er zugrunde gehen musste, bekam ich auf wunderbare Weise einen Schutz vor weiterer Beschädigung und wurde zurück ins Leben geführt. Ich durfte Al-Anon kennenlernen.

Wie bei jeder Wende, war auch bei Al-Anon der Anfang für mich mühsam: Erst Denken, dann Verstehen, schließlich Handeln – so, in dieser Reihenfolge, war mein Weg zur Genesung. Ich durfte erfahren, dass ich Vertrauen darauf haben darf, in der Gruppe meine alten Kräfte wieder zu erlangen: Nicht von heute auf morgen, aber durch Stetigkeit, Beharrlichkeit und die Bereitschaft mein krankes Denken und Handeln auf eine gesunde Basis zu stellen. Erfahrene Freunde in der Gruppe legten mir tröstend die Hand auf die Schulter, wenn ich ungeduldig wurde. „Versuche es mit Gelassenheit, jede Krankheit braucht ihre Zeit um zu heilen“, so sagten sie mir.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal an den Baum erinnern: Hätte er, so wie ich, noch rechtzeitig Schutz bekommen, so hätte er viele Jahre – vielleicht Jahrzehnte – gebraucht, um seine Wunden heilen zu lassen. Die Natur hat Zeit und braucht Geduld. Und mir ist klar, ich bin auch ein Teil des großen Naturgeschehens.

Mir wurde durch das spirituelle 12-Schritte-Programm in der Gemeinschaft von Al-Anon etwas geschenkt, wofür ich nicht dankbar genug sein kann. Ich möchte gerne etwas davon zurückgeben an Menschen, deren Lebenskraft beschädigt wurde durch den Alkoholismus eines Angehörigen oder Freundes.

Ich wünsche mir und Al-Anon, dass noch viele kranke Menschen, so wie ich es war, durch die Kraft der Gemeinschaft wieder gesund werden können. Ich weiß aber auch, dass diese Gemeinschaft als Ganzes nur durch den Einsatz und den Dienst seiner Mitglieder lebensfähig bleiben kann. In diesem Sinne erinnere ich an unsere 7. Tradition, in der es um unseren Selbsterhalt geht und abschließend an den Spruch: „Ohne WIR ein verstümmeltes ICH – ohne MICH ein verstümmeltes WIR“.