Zurüruck zum Inhalt

Oldenburg – gestern und heute

OldenburgIch fahre mit einem Bus voller Freunde aus der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker (AA) und der Angehörigen von Alkoholikern (Al-Anon) an diesem herrlichen Pfingstwochenende durch Oldenburg. Der freundliche Reiseführer zeigt und erklärt uns diese Stadt. Wunderschöne Gebäude, Plätze, Gärten. Eine heitere Stimmung macht sich in mir breit. Und ja, da ist ja auch die Weser-Ems Halle, in der unser diesjähriges Deutschsprachiges Ländertreffen (DLT) stattfindet!

Und plötzlich bin ich 40 Jahre zurückgeworfen und Bilder steigen hoch:

Ich sitze nach einer schweren Operation in einem Krankenhaus dieser Stadt und freue mich darauf, dass mein Mann mich abholt. Es sind nur noch 2 Tage bis Weihnachten. Wie schön, dass ich nach Hause darf, obwohl ich noch so klapprig bin. Aber er hat ja versprochen, dass er für mich sorgt…

Ich warte und warte. Nach zwei Stunden gehe ich zur Bushaltestelle und fahre in meine Wohnung – schräg gegenüber der Weser-Ems-Halle.

Ich schließe die Wohnungstür auf : Überall dreckiges Geschirr, leere und halb leere Schnapsflaschen, Gläser, volle Aschenbecher. Der schöne Adventskranz, den ich voller Liebe gebastelt hatte (er sollte es doch schön haben, auch wenn ich im Krankenhaus bin…) war offensichtlich in Flammen aufgegangen und hatte einen großen Brandfleck im Esstisch und einen riesigen schwarzen Fleck an der weiß gestrichenen Wand hinterlassen. In der ganzen Wohnung ein unerträglicher Gestank. Und im Schlafzimmer im Bett mein Mann, der seinen Rausch ausschlief. Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass ich dann diejenige war, die noch am selben Tag das Chaos beseitigt und die Wohnung geputzt hat. Er hatte doch Migräne….

Und dann bin ich wieder hier, im Bus mit all den wunderbaren Al-Anon-Freunden. Irgendwann, als ich lange von meinem Mann geschieden war und seit vielen Jahren in einer anderen Stadt lebte, körperlich und seelisch am Ende durch die Jahre mit einem weiteren Alkoholiker, fand ich (fand mich?) Al-Anon. Ich traf bei meinem ersten Besuch einer Al-Anon-Gruppe wunderbare Menschen, die – ohne dass ich etwas erzählen oder erklären musste – genau wussten, wie ich mich fühle. Ich spürte, ich bin angekommen, werde verstanden, getröstet, akzeptiert, wie ich gerade bin, aufgefangen, wenn es mir schlecht geht. Und ich durfte mit Hilfe der Al-Anon-Familiengruppen und meiner Höheren Macht den Weg des 12-Schritte-Programms von Al-Anon gehen. Ein Programm, das mich in jeder Situation meines Lebens unterstützt.

So auch jetzt, hier im Bus in Oldenburg. Ich hatte im Programm gelernt, im Jetzt zu leben. Und der Gedanke, was jetzt ist, brachte mich nach wenigen Minuten zurück in die Wirklichkeit: Jetzt und hier geht es mir gut. Alles andere ist Vergangenheit, die ich nicht mehr ändern kann. Jetzt und hier bin ich von wunderbaren Menschen umgeben und darf mich auf das DLT freuen! Und statt großer Traurigkeit fühlte ich plötzlich große Freude und eine tiefe Dankbarkeit.

Es wurde für mich ein wunderschönes DLT mit einem schönen Eröffnungs- und Abschlussmeeting, guten Gesprächen und einem tollen Meeting zum Thema „Was will ich und was will ich nicht“. Ich wollte vor vielen Jahren ein besseres Leben und ging zu Al-Anon. Ich habe heute dank Al-Anon nicht nur ein besseres, sondern ein gutes Leben.

3 Kommentare

  1. Rosemarie schrieb:

    Das erinnert mich an eine ähnliche Situation vor 30 Jahren. Ich bin so dankbar, dass ich 2 Jahre später zu Al-Anon finden durfte. Dankbar bin ich, dass nach wenigen Monaten, mein Mann seinen Tiefpunkt erreicht hat und trocken werden durfte und auch bis zu seinem Tod blieb.
    Ich durfte erfahren Al-Anon hilft in all unseren Angelegenheiten – es ist ein Lebensprogramm.

    Mittwoch, 20. Juni 2012 um 09 | Permalink
  2. Doris schrieb:

    Hallo, bin seit zwei Jahren in Al Anon und auf einen guten Weg zur Genesung. Wohne in Südtirol-Italien. Bin interessiert an monatlichen Zeitschriften in deutscher Sprache. Wer kann mir helfen?

    Freitag, 6. Juli 2012 um 22 | Permalink
  3. Ange W. schrieb:

    Liebe Doris,
    neue Artikel im Blog erscheinen regelmäßig, fast wie eine Zeitschrift. Eine Zeitschrift mit Al-Anonthemen gibt es in Deutschland nicht.
    Du kannst aber im Al-Anon Dienstbüro in Essen eine Mitteilungsschrift bestellen, sie heißt „Al-Anon intern“. Sie erscheint 3 x im Jahr und informiert über die Al-Anondienste in Deutschland.
    Wenn du noch Fragen hast, rufe im Dienstbüro an 0201 / 773007 du erhälst Antworten !

    Lieben Gruß Ange

    Mittwoch, 18. Juli 2012 um 23 | Permalink