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Ohne Furcht oder fern der Realität

Foto, Wolken mit einem RegenbogenGleich in meinem ersten Meeting war ich mit der Besprechung eines unserer Zwölf Schritte konfrontiert. Viel verstanden habe ich in diesem ersten Meeting nicht, aber es kam mir vieles, was die Menschen an diesem Abend besprochen haben, sehr vertraut vor.
Sie sprachen über Eigenschaften, die sie ablegen wollten, damit sie ein selbstbestimmtes Leben führen konnten. Über das Kontrollieren müssen, das Kümmern, das Besserwissen und das kannte ich sehr gut.
Auch ich musste die Kontrolle haben, wie sollte es denn sonst gehen? Ich musste mich kümmern, wer sollte es denn sonst erledigen? Und wer wusste schon was richtig ist außer mir?

Nach einiger Zeit in der Gemeinschaft fand ich Hilfe durch eine Frau im Meeting, die mir damals vorbildlich erschien. Sie meinte, versuch doch mal unser tolles Buch zum Vierten Schritt, das Kursbuch. Vermeintlich furchtlos habe ich dann meine Inventur geschrieben. Neben dem „Kursbuch zur Arbeit im Vierten Schritt“ schrieb ich auch mein Leben gründlich auf.
Ich machte diese Inventur auf der Basis meiner bisherigen Lebenseinstellung: nur ich kann mir vertrauen und was ich mache ist richtig. Beim Teilen meiner ersten aufgeschriebenen Sätze brach ich in Tränen aus. All das Leid und die Last, die ich von Kindesbeinen in mir angesammelt hatte, wollten aus mir heraus gespült werden. Ich komme aus keiner alkoholkranken Familie, aber die Basis für das Aufwachsen von uns Kindern war nicht gesund.

Gewalt, Lügen, Vertuschungen, Vorwürfe und seelische Misshandlungen waren normale Erziehungswerkzeuge. Zuneigung und Zuwendungen waren immer von Bedingungen abhängig. All diese Verletzungen und Schäden hatte ich weit weggedrückt, denn unsere Familie war heilig und alles war perfekt. Nach außen.
Als ich die Tränenflut überwunden hatte, konnte ich die weiteren Seiten vorlesen. Es wurde von Zeile zu Zeile irgendwie leichter. Die Geheimnisse waren schwarz oder blau auf weiß festgehalten und konnten nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden. Der Schrank war ausgeräumt und der Teppich in der Reinigung. Bis mich in der Nacht danach die große Traurigkeit überkam. Alles war raus, geteilt mit einer Person meines Vertrauens. War ihr wirklich zu vertrauen? Würde ich all das Geteilte irgendwann als Vorwurf oder Bloßstellung wieder vor die Füße gelegt bekommen?

Was ging mit mir ab? Ich setzte mich ins Wohnzimmer, nahm meine Kopfhörer, legte die damals noch üblichen Schallplatten auf und bat das erste Mal meine Höhere Macht um Hilfe. „Bitte, bitte hilf mir aus diesem Zustand herauszukommen. Was geschieht jetzt mit mir, die all die manifesten Lügen und Geheimnisse preis gegeben hat? Bestrafst du mich mit Wahnsinn, werde ich von allen gemieden und ausgeschlossen?“
Nein, es passierte etwas Wundervolles. Das erste Mal in meinem Leben fühlte ich so etwas wie Frieden und Freiheit. Ich hatte die Rüstung abgelegt und war bereit geworden, eine neue Richtung einzuschlagen. Nicht mehr allein zu kämpfen und ständig zu überprüfen, ob meine Erinnerungen und Wahrnehmungen tatsächlich der Realität entsprechen oder nur ein Weg aus dem Dilemma sind.
Heute weiß ich, dass die Schritte in ihrer Reihenfolge begründet sind. Es brauchte Geduld eine Vertrauensbasis zu einer Höheren Macht aufzubauen und damit auch wieder Vertrauen in mein Umfeld zu finden.
Selbstbezogen habe ich meinen Vierten Schritt damals durchgezogen. Mein Tempo, meine Bedingungen, mein Wille geschehe.

Das ist kopflos und nicht furchtlos. Furchtlos kann ich nur sein, wenn ich auf etwas vertraue, das außerhalb meiner selbst auf mich aufpasst.
Diese Gedanken kamen mir bei der erneuten Bearbeitung der Fragen zum Vierten Schritt – Wir machten eine gründliche und furchtlose moralische Inventur von uns selbst – in „Wege zur Genesung“. Hier – Was bedeutet für dich „furchtlos“-. Schön, dass es die Gemeinschaft gibt,
eine Al-Anon