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meine Gedanken zum Vierten bis Sechsten Schritt

Foto von einem AnkerHerbsttreffen 2015 in Walsum

Beim Eröffnungsmeeting der A.A. Veranstaltung mit Al-Anon Beteiligung durfte ich als Sprecherin über meine Erfahrungen mit Al-Anon sprechen.
Mein Beitrag hat mir ungeahnte Rückmeldungen eingebracht. Das erste Mal konnte ich mich öffentlich zeigen und war überrascht, dass ich in der Lage bin Menschen (A.A. und Al-Anon) zu berühren. Vielleicht können meine Gedanken dem einen oder anderen bei der Inventur helfen.

Ich bin Regina und gehöre zu Al-Anon. Meine Gedanken zum 4. bis 6. Schritt.
Seit 4 Jahren tummle ich mich im 4. Schritt und habe nur am Rande mitbekommen, dass der 5. und 6. irgendwie dazugehören.
L. Sch. sagt die Schritte 4 bis 6 dienen der Ich-Findung. Bill sagt, wir sollen die Inventur schriftlich vornehmen. Das weiß ich aber erst seit ich mich auf diesen Vortrag vorbereitet habe. Noch habe ich sie nicht schriftlich gemacht, aber vielleicht dient ja mein Beitrag auch mir als Klarstellung meiner Ich-Findung.
Ich bin als vollkommen leerer Mensch zu Al-Anon gekommen. Ich hatte das Empfinden nicht mehr da zu sein. Die Frage „wer bin ich“ konnte ich nicht beantworten.
Die regelmäßigen Besuche der Gruppe zwangen mich wenigstens einmal pro Woche darüber nachzudenken wie es mir geht. Eine schwierige Frage, wenn man wie ich daran gewöhnt ist sich selbst nicht wahr zu nehmen.

Einfach funktionieren war Überlebensstrategie.
Seitdem ich meine Höhere Macht an meiner Seite weiß, sieht das wieder anders aus. Leichter ist es nicht geworden, aber besser. Und leichter wahrscheinlich auch nur deshalb nicht, weil ich besser damit klar komme schwere Lasten zu händeln. Bisher kann ich es mir noch nicht erlauben es leicht zu haben.
Ich habe zögerlich mit dem 4. Schritt angefangen. Ich hatte Angst das Monster in mir zu finden für das ich mich hielt. Der Gedanke ein schlechter Mensch zu sein, treibt mir noch heute ein Kribbeln unter die Haut.
Zunächst glaubte ich, dass die Inventur meine Schwächen und meine Unfähigkeit ans Licht bringen sollte. Zu erkennen, was alles schlecht an mir ist, könnte mir helfen mich zu verbessern. Irgendwann habe ich unser Schlusswort dann in meinem Kopf ankommen lassen … lass stattdessen die Liebe und den Frieden des Programms in dir wachsen, einen Tag nach dem anderen …
Ich sehe das Programm heute als Programm der Liebe und des Friedens. Das Programm meint es gut mit mir. Und erst als ich das verstanden habe, konnte ich meine Inventur ausgewogener in Angriff nehmen. Ich sehe heute meine guten Eigenschaften, meine Fähigkeiten und meine Talente.
Ich habe erkennen dürfen, dass ich eine empfindsame Seele besitze, auf die ich mittlerweile auch stolz sein kann. Früher hatte ich immer das Gefühl sie schützen zu müssen, was mich sehr isoliert hat. Wahrscheinlich auch eine notwendige Überlebensstrategie.
Ich bin nicht perfekt, ich habe Schwächen und ich habe dunkle Seiten, aber das eine ist sie zu erkennen und das andere ihr Macht über mich zu geben. Ich weiß noch nicht so recht wer ich bin. Meine Inventur ist noch nicht abgeschlossen, aber ich kann mir vieles verzeihen und ich kann mich immer öfters annehmen. Der fünfte Schritt wird immer dann wichtig, wenn ich ein Geheimnis mit mir rumschleppe, dass mich belastet. Wenn ich mir selbst und Gott schon mal meine Geheimnisse anvertrauen kann, kommt schon ein wenig Licht dran. Der Schrecken ist nicht mehr ganz so groß. Wenn ich dann bereit bin einem anderen Menschen meine Verfehlungen anzuvertrauen, ist der Schrecken noch kleiner.
Wenn ich es schaffe das Geheimnis der Gruppe zu offenbaren ist das Geheimnis kein Geheimnis mehr und kann mich somit auch nicht mehr belasten. Wenn ich es schaffe die Scham zu überwinden, wenn ich es schaffe mich mit meinen Fehlern zu zeigen, besteht die Chance, dass man mich mag wie ich bin. Zumindest wächst daraus Akzeptanz und Achtung und die können wir alle gut gebrauchen.
Der sechste Schritt ist auch bei mir noch nicht so recht angekommen. Ich bin noch nicht bereit meine Charakterfehler von mir nehmen zu lassen. Zumindest nicht alle. Ich habe viel zu lange in einem Zustand gelebt, der das Leben ausgeschlossen hat. Das Leben mit einem trinkenden Alkoholiker war für mich nur möglich indem ich die Höhen und Tiefen vermieden habe und praktisch nur noch funktioniert habe.
Eine meiner wichtigsten Aufgaben war der Welt eine heile Familie vorzugaukeln, alle Disharmonie zu verbannen und alle Familienmitglieder in ein Korsett zu zwängen und dieses Konstrukt zu erhalten. Meine Tochter hat von Anfang an diesen Zwang nicht zugelassen und wahrscheinlich hat sie damit unser aller Leben gerettet. Ich bin mir sicher, dass sie uns geschickt wurde.
Meine Ich-Findung ist nicht abgeschlossen. Wahrscheinlich ist auch das eine Lebensaufgabe. Heute habe ich das Ziel wieder so zu werden, wie ich von meinem Schöpfer gemeint war. All die Verletzungen, die ich mir zugefügt habe und die ich mir habe zufügen lassen, kann ich mit Al-Anon und A.A. heilen. Mein Ziel ist es mit dem Programm heil zu werden. Alle notwendigen Werkzeuge lehrt mich das Programm und die Menschen, die das Programm leben.
Ich habe meinen Hafen gefunden von dem aus ich ungeheure Abenteuer unternehmen kann und in dem ich immer wieder Sicherheit finde.

Danke fürs zuhören.