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Mein erstes Meeting

SonnenblIn meinem ersten Al-Anon Meeting, da ging es mir soo schlecht, dass ich weder Tee noch Kaffee trinken konnte. Hätte ich mich denn entscheiden können.

Hörte nur, wie sie „im HEUTE blieben“, ja heute, ein endloser Tag, ich wusste ja nicht, wie ich ihn nur herumbekommen sollte?
Nippte verlegen an meinem Wässerchen….

Also, erst mal nur diese Stunde, diese zwei Stunden, Meeting, dann hätte ich, wenn ich nach Hause käme, sogar schon wieder drei Stunden überlebt/gemeistert.

Falls ich einschliefe, hörte ich nach dem Meeting von einer lieben Freundin:
„Morgen geht für uns Alle wieder die Sonne auf.
Vielleicht hinter den Wolken, vielleicht wird es wieder ein dunkler, regnerischer Tag, aber die Sonne wird wieder aufgehen, soviel ist sicher.“

Dazu ist ’nur‘ unsere HM (Höhere Macht) fähig.
Mit dieser Gewissheit und Möglichkeit, mein ‚bisschen‘ Leben, welches wirklich aus meiner heutigen Sicht kein sonderlich lebenswertes Leben mehr war, in Gottes Hand abzugeben, damit ER seinen Dienst tun kann, daraufhin wurde ich mir wieder selbst überlassen.

(Das war der 31. August 1996)

Die Nacht war nahezu schlaflos, und tatsächlich, die Freundinnen hatten Recht, mit allem, was ich dort gehört hatte!
Nichts von meinen Befürchtungen war eingetreten.
Kein Leid was mir je widerfahren würde, konnte ich durch vorzeitige Sorgen und Grübeln aus der Welt schaffen. Oder gar verhindern. Im Gegenteil. Es kostete nur Kraft, die ich gar nicht mehr hatte.

In meinem ersten Meeting lernte ich auch, ‚Beteiligung ist der Schlüssel zur Harmonie‘. Ich erlebte es damals zunächst als eine Art „Zugzwang“.
Da saßen Frauen, die gebildeter, angesehener, adretter, reicher, oder was auch immer ich über sie dachte, waren als ich und erzählten mir von sich fast identische Lebens/ Leidenswege, Biografien, Erlebnisse die teilweise noch krasser waren, als ich es erlebt hatte.
Für was ich mich schämte, was ich als Makel ansah, betitelten diese Frauen als die Chance ihres Lebens und trauten MIR zu, das ich das auch schaffen würde.

Ich wurde ermutigt, ‚Die Dinge ans Licht zu bringen, so dass sie die Macht über Mich verlieren würden‘.

Ich wusste vor lauter Anonymität gar nicht, wo ich hinsehen sollte, wie ich diesen Leuten auf der Straße begegnen sollte….wenn ich sie erneut träfe…..

Ich wäre mir schäbig vorgekommen, wenn ich ’nur‘ zugehört hätte, ich sehe es auch heute noch als sehr wertschätzend an, wenn es ein Geben u n d Nehmen ist.
Außerdem war ich voll von dem, was ich meinte, sonst niemandem ‚draußen‘ erzählen zu können. Weil in meiner Herkunftsfamilie gnadenlos verleugnet wurde, gelogen und verharmlost, und vertuscht.

Vielleicht auch akribisch “ das Haar in der Suppe beim Anderen gesucht wurde“. Oder der ‚Span im Auge des Anderen‘?
Nur um nicht über sich selbst sprechen zu müssen?

Ich spürte sofort, dass ich aus dieser Scheinwelt und aus diesem Karussell aussteigen muss!
Ich wollte viel lieber mein Leben, meine Zeit mit Menschen teilen, die so ‚ticken‘ wie ich und meinen Grad der Verrücktheit vielleicht/ anscheinend auch nachvollziehen und verkraften können.

Da waren gestandene Frauen und Männer anwesend, die über Minderwertigkeitskomplexe und mangelndes Selbstwertgefühl sprachen.
Sofort wurde mir klar, dass Dies alles im Vertrauen hervorgebracht wurde und diesen Raum nicht verlassen würde.

Zu keiner Zeit dachte ich an Verschwörungstheorien oder Geheimbünde oder das ich dort von Jemandem ausgehorcht/ hintergangen werden würde.

Das fand in meiner Familie statt, dieser hochwichtige Tratsch über Andere….Feindbilder wurden dort aufgebaut….
Weißt Du schon? Oder hast Du schon gehört? Wo ein Hund läuft, ist immer auch ein Knüppel, um ihm den hinterher zu werfen…
Die ewig alte Gebetsmühle halt! ( Da konnte alles in den Dreck gezogen werden)

Al-Anon sehe ich eben als genau das Gegenteil dessen an. ( Wenn ich im Programm bleibe, und es in allen meinen Angelegenheiten anwende).

Meine Gruppe‘ damals, hat mir den Platz in dieser Gemeinschaft bereitgestellt und angeboten.
Wiederkommen und mich öffnen, durfte ich aus eigener, freier Entscheidung, und das tat ich, weil mir dort ermöglicht wurde, ein unabhängiger, eigenständig denkender Teil von ihnen ( der Gemeinschaft) zu werden.

Selbstbestimmt und in meinem eigenen (Schnecken-)Tempo hinein wachsen durfte und ohne dass sie mich bewerten würden, Kritik an mir üben müssen…. auch ohne dass ich denen irgendetwas beweisen musste.
Mir wurde erstmals geglaubt und ich wurde als (Mit)Mensch auf Augenhöhe ‚gesehen‘ schlicht in meinem „SO“- Sein angenommen. So wie ich bin, bin ich Okay!
Sagten sie zu mir, geglaubt habe ich das zu der Zeit nicht.

Ich hatte die Wahl zwischen Selbstzerstörung und Opferdasein oder auf einem anderen mir bis dato unbekanntem Weg weiterzuleben.

Weiterentwicklung, Lebensqualität und Nachreifung, sowie positives Erleben machte für mich den Reiz aus, wiederzukommen.

Es gibt keine Maßstäbe, keine Gurus oder Vorbilder, keine perfekten Menschen, eben auch keine Rama-Familie…und kein vorwurfsvolles „Wo warst du letztes Mal?“.

Kürzlich las ich hier einen Begriff der für mich sehr stimmig ist, „Bedingungslose Liebe“ half mir Vertrauen aufzubauen.
Mich öffnen zu dürfen. Meine Maske abzunehmen, mein “ Kaltherz“ meinen Groll und Schuldzuweisungen offen und ehrlich mir selbst gegenüber auf ‚die Tische‘ zu legen.

Bewertung, negative Kritik, Tratsch, moralische Erpressung, Hierarchien, Indoktrination, Kontrolle, Manipulation, Einsamkeit, Selbstmitleid und Isolation, Bitterkeit, Meinungsmache, Liebesentzug, Dramatisierung…. alles Themen, die ich gerne “ V O R der Meetingstür „ablegte und wovon ich nach und nach genesen möchte….( ich schickte es zurück in meine persönliche Steinzeit/ Eiszeit in meine kurze, verlorene Kindheit)

Brachte es MICH persönlich doch keinen Deut weiter….

Wenig schön und bisweilen unbequem, eine Herausforderung, ist es heute noch immer für mich, wenn es mich unvorbereitet trifft, wenn Facetten meines Ich’s durchkommen, die ich mir noch nicht ansehen durfte, oder die plötzlich in einem völlig neuem Licht erscheinen!
Auch das gehört zu mir! Auch das möchte ich mir ansehen ‚dürfen‘, wenn es für MICH dran ist.

Wenn ich für mich auch diese schwierigen, unbequemen Facetten meines Ich’s lieber weiterhin verleugnet hätte, weil ich es so erlernt habe.
Durch die stets liebevollen und weisen Erfahrungen anderer Al-Anons habe ich gelernt mir ALLES anzugucken und zu klären, wenn ich nur bei mir bleibe, dann hilft es mir auch.
Ich kann nur für mich und über mich sprechen, ich kann zuhören, eigenständig denken und mir nehmen, was ich gebrauchen kann.

Beim Anschauen und Hinterfragen von Charakterzügen, die mir hinderlich sind, die mich zurückwerfen in meine Kindheit, hilft mir das Programm. Ich bin nicht mehr allein. Und das ist gut so.
Ich musste allerdings lernen, anzunehmen, anzuerkennen, hinterfragen und genauer hinzusehen, nachspüren, aushalten.

Und ich bin mir seit meinem 1. Meeting sicher, hier bin ich richtig, und mit Al- Anon falle ich nie mehr tiefer, als in Gottes Hand. Meine Lebensversicherung.
Ich musste einfach wiederkommen, weil ich Annahme spürte, von Menschen, die authentisch sind. Mich auf diese Weise behutsam zurückführen, wenn ich mal wieder alle Probleme/ Herausforderungen auf einmal lösen will…

Soviel Zeit, wie sollte ich die nur füllen, ’nur‘ mit mir? Sprechen über meine Wenigkeit.
Heute erschreckt mich wie schnell die Zeit ‚verfliegt‘ oder wieviele Zeilen ich zurückblickend über mein erstes Meeting schreiben kann….

Mein Leben ist mit Al-Anon um so Vieles reicher, als es mit meiner Herkunftsfamilie je hätte werden können… Selbst wenn ich mich weiter für alle Anderen abgestrampelt hätte, wäre ich immer die Verliererin, die Looserin geblieben….

Ich bin Euch allen hier sehr dankbar, dass Ihr Eure Sorgen, Eure Nöte, Eure Gedanken, Eure Erfahrungen, und Alles was mich mit Euch verbindet oder was Ihr kritisch seht oder nicht versteht, auf heilsame Weise mit mir im Meeting austauscht!

Danke für jede Zeile, die Ihr durchgehalten habt, aber vor allem für jede Zeile, die ich von Euch zu lesen bekomme!

Schreibt mal wieder (hier im Blog), ES funktioniert!

 

Irmgard, aufgewachsen in alkoholkranker Familie