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Leben und leben lassen

Foto: Blume mit dem Slogan "Fang bei Dir an!"„Leben und leben lassen“ ist ein Slogan aus dem Lebensprogramm von Al-Anon und auch von AA. Bei unserem nächsten Regionalmeeting (Anfang November), wo die Al-Anon-Gruppen unserer Region Informationen austauschen, haben wir mit den sich parallel treffenden AA verabredet, vor dem eigentlichen Regionalmeeting ein gemeinsames Meeting abzuhalten. Schon seit vielen Jahren ist das in unserer Region üblich, dass wir einmal im Jahr ein gemeinsames Meeting mit AA zu einem Thema abhalten. Diesmal ist das Thema „Leben und leben lassen„.  Hier bereits ein paar Gedanken von mir :

„Leben und leben lassen“  ist für mich ein ganz schwerer Slogan, der aber sehr viel Gesundheit in mein Leben gebracht hat, in diesem Fall:  wieder mein eigenes Leben in die Hand zu nehmen und anderen ihr eigenes Leben zuzugestehen.

Als Angehörige, die mit nassem Alkoholismus gelebt hat, neige ich dazu, aus Angst alles kontrollieren zu wollen. In der nassen Zeit des Alkoholikers habe ich große Unsicherheiten erleben müssen, von denen ich mit viel Kraft  einige Konsequenzen habe verhindern können. Aber dabei wurde nicht nur ich geschützt, sondern auch oft der Alkoholiker (ist manchmal auch einfach nicht zu trennen), der dadurch weiter trinken konnte. Ihm blieben dadurch einige Male die Konsequenzen seines Trinkens erspart.

Darüber habe dann im Laufe der Zeit verlernt, wofür ich in meinem Leben gesund verantwortlich bin, nämlich nur für mich ! Ich hatte zwar irgendwann das Vertrauen in den Alkoholiker völlig verloren (ohne zu wissen, wie krank er ist). Andererseits hatte ich kranke Ansprüche an ihn. Ich werde nie vergessen, wie sauer ich war, dass er keinen Sport mit mir machen wollte, obwohl ICH doch so dringend Sport brauchte. Ich machte natürlich keinen Sport, weil ich es alleine nicht schaffte! Aber das war MEIN krankes Denken, was ich damals noch nicht erkennen konnte! Das ist ein Beispiel dafür, was ich mit dem ersten Teil des Slogans, dem „Leben…..“ beheben gelernt habe. Denn ich muss schon selber leben! Für MICH bin ICH verantwortlich, ganz alleine! Heute walke ich zum Beispiel alleine, im Verein oder mit einer Nachbarin.

Mit dem zweiten Teil des Slogans,  dem „leben lassen“ ist in meinen Augen zweierlei gemeint:

  1. anderen Menschen ihr Leben, (ihre Fehler und Erfolge) zu überlassen
  2. eintretende Ereignisse des Lebens zuzulassen und ihnen mit Hilfe unserer 12 Schritte zu begegnen

An diesen beiden Punkten muss ich ständig arbeiten. Immer und immer wieder falle ich hier auf die Nase. Der erste Punkt ist natürlich sehr viel leichter, wenn der betroffene Alkoholiker trocken wird. Ich darf das aber immer noch weiter an unserem Sohn üben, wobei ich bei ihm manchmal noch eingreifen muss. Dort zu einer gesunden Balance zu kommen, dabei hilft mir das Al-Anon-Programm und die Meetings sehr.

Der zweite Punkt ist der schwerste für mich. Meine Ängste kommen immer so schnell zurück und ich habe Probleme damit,  den wahrscheinlich normalen Fluss des Lebens zuzulassen. Ich habe immer zu viel Angst vor Veränderungen. Immer und immer wieder muss ich mir sagen, dass Veränderungen auch Gutes bringen. Zurückblickend kann ich das Gute oft erkennen, aber leben muss ich vorwärts!

In Al-Anon lerne ich, besonders durch diesen Slogan, wieder zu einer gesünderen Abgrenzung zwischen mir und anderen zu kommen, mich auf den natürlichen Fluss des Lebens einzulassen und auch besser mit anzusehen zu können, wie jemand anderes fehl geht. Und ich bin mal gespannt, wie unser Regionalmeeting dazu sein wird.

Hier noch ein Zitat von Virgil Thomsen (amerik. Komponist, geb. 25.11.1896), was ich dazu sehr schön finde:

„Probiere etwas, das du noch nie gemacht hast, dreimal aus. Das erste Mal, um die Angst zu besiegen. Das zweite Mal, um zu lernen, wie es gemacht wird. Und ein drittes Mal, um herauszufinden, ob du es magst oder nicht „

2 Kommentare

  1. Ingrid schrieb:

    Danke, liebe Jutta, für diesen Text.
    In AlAnon-Verbundenheit
    IngridZ

    Freitag, 4. Februar 2011 um 18 | Permalink
  2. Rosemarie schrieb:

    Liebe Jutta,
    danke, da hast Du viel Wahrheit hineingepackt. Ich kenne noch einen Satz – Verfasser ist mir nicht bekannt: „Das Leben muss vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden!“
    g24h
    Rosemarie

    Dienstag, 15. März 2011 um 19 | Permalink