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Ich lasse mich nicht mehr durcheinander bringen

Foto Herbstbäume vor Wolken mit MorgenröteNach der glücklichsten Zeit in meinem Leben kam der Moment, in dem der Alkoholkonsum meines Mannes für mich zum Problem wurde. In unserem Bekanntenkreis wurde überall sehr viel getrunken. Nach einiger Zeit fühlte ich mich unter ihnen nicht mehr wohl. Ich merkte, dass die ganzen Treffen in erster Linie veranstaltet wurden, damit der Alkohol fließen konnte. Mein Mann war geschieden. Wir sprachen nicht über Gründe. Ich liebte ihn und glaubte, was war, ist vorbei, und  wir fangen neu an. Nach und nach erzählte man mir, dass seine Ex-Frau gesagt hätte, er wäre Alkoholiker. Unter einem Alkoholiker stellte ich mir etwas anderes vor. Außerdem kannte ich viele Leute, die zuviel tranken. Ich mochte sie aber trotzdem – die Tragweite der ganzen Krankheit Alkohol konnte ich nicht abschätzen. Nun stand ich also da und fühlte mich immer unglücklicher.
Was war dran an meinem Verdacht? Tat ich ihm Unrecht, wenn ich so dachte? Ich besorgte mir Lektüre über dieses Problem und fand meinen Verdacht bestätigt. Dann versuchte ich, mit meinem
Mann darüber zu reden. Es ist fast überall der gleiche Verlauf.

Die Jahre vergingen, und ich habe versucht, sein Alkoholproblem nicht an mich heranzulassen. Aber das ging natürlich nicht. Die einzige wirkliche Hilfe in dieser Zeit waren meine Bücher, die mir immer wieder gezeigt haben, dass meine Gedankengänge richtig sind. Für mich war es besonders schlimm, dass ich mich im Laufe der Zeit habe so verunsichern lassen. Ich wusste einfach nicht mehr, was richtig, ist und was nicht.

In meinem Beruf kamen dann auch noch besondere Anforderungen auf mich zu. Es wurde mir alles zuviel. In diesen Jahren hatte ich eine ganz besonders liebe Freundin an meiner Seite. Sie hat mir immer das Gefühl vermittelt, etwas wert zu sein. Ihre Zuneigung und ihr Glaube an mich haben mich leben lassen. Bei einem Kuraufenthalt machte man mir klar, dass ich mich an eine Selbsthilfegruppe wenden muss. Ich hatte es auch fest vor. Zu Hause angekommen, ging es eine Weile gut und ich schob es wieder auf. Bei einem Durchhänger rief ich schließlich eine telefonische Beratung an. Dieses Gespräch half mir. Ich notierte mir die Adresse und das Meeting-Datum von Al-Anon in meiner Nähe. Ich schrieb die Adresse gleich in mehrere Bücher , damit ich es auch ja finde, wenn ich es suche. Es gab immer wieder Gründe, nicht hinzugehen.

Eines Abends aber fuhr ich eine Straße entlang und vor einem Gebäude standen einige Menschen. Schlagartig wusste ich, da findet das Treffen statt. Schrittweise hat mich meine Höhere Macht zu Al-Anon gebracht. Als ich
dann Neurodermitis bekam, war mir klar, dass etwas geschehen muss. Beim nächsten Zusammenbruch meines Mannes nahm ich mein Buch über Alkoholismus zur Hand. Und wie so oft schlug ich genau die Seite auf, die ich brauchte: keiner, weder Betroffener noch Angehöriger, kann allein mit dieser Krankheit fertig werden. Da wusste ich, übermorgen ist Donnerstag und ich gehe ins Meeting. Wenn ich zurückdenke, wie ich den ganzen Donnerstag überlegt habe, ob ich wirklich hingehen soll. Bis zur letzten Minute habe ich mit mir gekämpft. Als ich ankam, hatte ich kapituliert: ich wusste, dass ich dem Alkohol gegenüber machtlos bin und mein Leben nicht mehr meistern konnte.

In den schweren Zeiten hatte ich mir eine Quelle gewünscht, aus der ich Kraft schöpfen kann. Nun habe ich sie gefunden. Es war ein langer Weg. Aber ich denke, ich habe genau diese Zeit gebraucht, um wirklich zu erkennen und immer wieder dankbar zu sein, dass ich den Weg gefunden habe. Mein Lebens- und Selbstwertgefühl sowie mein Aussehen haben sich sehr verändert.
Auch im Zusammenleben mit meinem Mann kann ich Stärke zeigen. Ich lasse mich nicht mehr durcheinanderbringen. Wenn er früher mit mir geschimpft hat, nahm ich es gleich persönlich. Heute weiß ich, dass er seine Unzufriedenheit an mir auslassen will. Ich wünsche mir sehr, dass mein Mann den Weg zu A.A. findet. Aber ich weiß, er muss ihn selbst finden.

Dafür brauche ich Gelassenheit
Angelika

Ein Kommentar

  1. Rosie schrieb:

    Ich danke dir sehr! Dein Bericht könnte von mir geschrieben sein, denn „es“ verlief bei mir sehr ähnlich. Ich bin jetzt schon viele 24 Stunden als dankbares Mitglied in der Gemeinschaft und hoffe, es noch lange sein zu können.
    Mein Name ist Rosie, ich bin eine Angehörige

    Montag, 15. August 2016 um 10 | Permalink