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Genesung – wovon und wie?

Foto einer Berglandschaft mit Abendsonned„Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht – größer als wir selbst – uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann“. (2. Schritt)
Als ich anfangs bei Al-Anon war, hörte ich viel von Genesung. Doch immer wieder fragte ich mich, wovon sollte ich eigentlich genesen? Viele Jahre hatte ich nur die Antenne für die Alkoholkrankheit meiner Frau. Dieses gebannte Hinschauen auf deren Dahinsiechen, hatte die Wahrnehmung für mich selbst abstumpfen lassen. Ich hatte gelernt zu überleben. Und wenn ich ehrlich bin, war ich sogar etwas stolz darauf.
Und dann sprachen meine neuen Al-Anon Freunde von Genesung. Sicher, ich hatte längst davon gehört, dass es auch seelische Krankheiten gibt, von denen Genesung möglich ist. Doch selbst als meine „Karre“ ganz tief im Dreck steckte, fehlte mir das Bewusstsein für meine seelische Krankheit. Zumal ich mir immer wieder einredete, trotz allem zu funktionieren. Wieso als „seelisch krank“?
Doch meine Al-Anon Freundinnen und Freunde öffneten mir die Augen indem sie schonungslos über ihre eigenen seelischen Probleme berichteten und ich die meinen darin wiedererkannte.

Das tat mir anfangs weh, denn erst jetzt wurde ich mir meiner eigenen Situation – wie einer offenen, lange
nicht beachteten Wunde – bewusst. Langsam konnte ich erkennen, wo meine eigenen Defizite waren, und dass auch ich zu einem Suchenden geworden war. Ich empfand mein Verhalten süchtig – helfersüchtig, kontrollsüchtig und ich war süchtig, zu verbergen und zu täuschen.
Nun durfte ich lernen, mich einer Gemeinschaft anzuschließen, zu teilen, loszulassen und mich auf mich selbst zu konzentrieren. Mein Weg führte mich über demütige Wahrnehmung zum Erkennen und zum Handeln. Dieses, so hörte ich, sei spirituelles Wachstum.
In den folgenden Jahren meiner Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, erfuhr ich dann von den Freundinnen und Freunden vieles über meine Krankheit. Ich las manches in unserer Literatur und ich teilte etliches mit meiner Sponsorin. Einiges wurde mir nach und nach klar. Das, was mir alleine jahrelang nicht gelungen war, meine Karre aus dem Schlamassel der Familienkrankheit herauszuholen, wurde durch die Gemeinschaft Al-Anon möglich. Wie zutreffend war der Slogan: „Du schaffst es. aber du schaffst es nicht alleine.“ Da spürte ich, dass diese Gemeinschaft zu einem Werkzeug einer Höheren Macht für mich geworden war. Und noch etwas durfte ich erkennen, ich kann mich nicht in Genesung DENKEN, sondern ich muss HANDELN um wieder gesund zu
werden.
Auf diesem Wege bin ich noch heute, denn Handeln bedeutet für mich, AKTIV das Programm zu leben. Dazu zählt das regelmäßige Meeting; das sind Dienste bei Al-Anon in verschiedener Form und dazu gehört das Übernehmen von Sponsorschaft. Und in schwierigen Situationen, die auch mit dem trockenen Alkoholiker auftreten können, ist der richtige Umgang mit der Gelassenheit ganz besonders wichtig. Als ein Geschenk des gelebten Programms erfahre ich den stärkenden Rückhalt aus der Gemeinschaft, die Offenheit und Freude an neuen Aufgaben, die Wahrnehmung im Heute zu leben und das Gefühl der Dankbarkeit, etwas Neues hinzu lernen zu dürfen.

Viele liebe Grüße und gute 24 Stunden, Hubert