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Fünf Jahre Al-Anon

LandschaftsfotoIm Mai 2015 feierte ich meinen 5. Al-Anon Geburtstag und ich möchte diese Zeit der Genesung für mich und Euch nochmal schriftlich festhalten. Vor ca. zwei Jahren schrieb ich auf einen kleinen roten Zettel, die vier Säulen der Genesung lauten: Meetings, Arbeit in den Schritten, Sponsorschaft, Dienste.

Dieser kleine rote Zettel ist meine äußere und inzwischen auch verinnerlichte Erinnerungshilfe geworden. Wo läuft es gut, wo gibt es Defizite? Das wöchentliche Meeting nehme ich sehr ernst. Nur bei Krankheit oder Urlaub bleibe ich fern.
Selbst an den Urlaubsorten halte ich Ausschau nach einem Meeting, hatte aber bisher nie Glück eins zu erleben. Auch die großen Veranstaltungen, wie zum Beispiel das Herbsttreffen, sind Meilensteine auf dem Weg der Genesung.
Dienste habe ich bereits nach einem halben Jahr übernommen. Dienste sind sehr konkret, die Aufgabe ist klar und somit gehen sie mir verhältnismäßig leicht von der Hand.

Eine große Herausforderung ist für mich die Arbeit in den Schritten.
Wenn wir in der Gruppe über die Schritte sprechen erhalte ich dort Anregung aber die Hauptarbeit findet bei mir im „stillen Kämmerlein“ statt.

Schritt Eins bis Drei konnte ich sehr gut annehmen. Ich war an meinen eigenen Strukturen schon über drei Jahrzehnte gescheitert. Drei süchtige Partner konnte ich nicht retten und nun auch noch ein süchtiges Kind, damit war klar, dass ich mein Leben nicht mehr meistern konnte. Außerdem war ich bereits seit 10 Jahren selbst an Krebs erkrankt. Einen Bezug zu meiner Höheren Macht brachte ich mit, wobei sich meine Sichtweisen diesbezüglich immer noch im Prozess befinden.

Als ich zu Al-Anon kam war ich in tiefster seelischer Not,konnte kaum Schlafen und hatte Todesangst um mein 14-jähriges Kind. Um überhaupt den Kopf ein wenig frei zu bekommen begann ich im August 2010 im Kursbuch für den Vierten Schritt zu arbeiten.

Da ich inzwischen gelernt hatte, dass ich der einzige Mensch sei den ich verändern konnte, tat es mir gut den Blick auf mich zu lenken. Dieser Rückzug in die Kursbucharbeit brachte mir über sechs Monate (solange brauchte ich dafür) deutliche Erleichterung, wenn auch noch nicht wirkliche Veränderung. Zwei Jahre später war die Krise so stark, mein Krebs war erneut an anderer Stelle ausgebrochen, mein Kind befand sich im dritten Jahr seiner Sucht, dass ich abermals das Kursbuch für den Vierten Schritt durcharbeitete. Anschließend überwand ich auch die Scham mich einem Menschen mitzuteilen und fragte eine Al-Anon Freundin, ob sie meine Sponsorin sein möchte und sich vorstellen könnte den Fünften Schritt mit mir zu besprechen.

Dieses Mal kamen Eigenschaften wie Neid und Eifersucht zutage, die mir nicht gefielen, aber mit denen ich arbeiten konnte. Im Erkennen liegt die Kraft der Veränderung und Schritt Sechs und Sieben zeigten mir von wo ich zuverlässig Unterstützung bekomme. Ich bat und bitte auch heute immer wieder um die Beseitigung meiner Charakterfehler.

Schritt Acht habe ich ziemlich gründlich vollzogen und versucht möglichst alle, auch vor langer Zeit Geschädigte aufzulisten. Schritt Neun ist immer noch in Arbeit. Die Wiedergutmachung fällt mir schwer weil ich oft nicht so richtig weiß wie. Fehler an den Kindern, die kann ich gar nicht von heute auf morgen gut machen, wenn überhaupt. Deshalb tröste ich mich damit, dass das Leben zuverlässig Chancen bietet Dinge wieder gut zu machen, ggf. sogar an anderen Kindern.

Ich habe auch nicht den Anspruch eine Heilige zu werden. Wir sind als Menschen Mängelwesen und wenn ich heute denke etwas richtig zu machen, verbirgt sich vielleicht schon morgen ein neuer Fehler dahinter, deshalb: „Nur für heute.“ Schritt Zehn gelingt mir, indem ich abends Tagebuch schreibe und den Tag Revue passieren lasse. Schritt Elf beschäftigt mich gerade besonders weil ich merke, dass ich den Kontakt zu meiner Höheren Macht im Tagesgeschäft gerne vernachlässige. Auch bin ich beim Beten oft sehr unkonzentriert und von einem Gedankenkino das sich nicht abschalten lässt beherrscht. Die Meditation, die meinen Blick nach innen richten soll, Energie zum Fließen bringt um einen Zustand tiefer Entspannung herzustellen, scheint mir noch in weiter Ferne.

Aber ich spüre, dass dies ein sehr wichtiger Punkt für meinem Genesungsweg darstellt. Ich habe schon ein paar Ideen wie es weitergehen könnte. Ich werde in einem Meditationszentrum nachfragen was es an geführten Meditationen gibt…

Schritt Zwölf sichert das Überleben unserer Gruppen und somit jedes einzelnen von uns. Es müsste viel mehr geschehen aber ich bin froh wenn es mir gelingt an 2-3 Aktionen pro Jahr beteiligt zu sein. Ich habe lange gebraucht um zu erkennen, dass Genesung nicht mal eben so nebenbei passiert.

Fast könnte man sagen es ist ein Vollzeitprogramm. Als ich mit 42 Jahren an Krebs erkrankte, dachte ich ebenfalls, dass ich neben all dem Alltagsgeschehen noch so eben meine schwere Krankheit in Griff bekommen könnte.

Zum Glück hatte ich gute Begleiter, die mir Anregung gaben und mich in meiner eigenen Intuition stärkten. Auch wusste ich, dass ich leben wollte und dass es Menschen gab denen ich wichtig war. Auf der anderen Seite steckte ich in meiner mentalen Besessenheit fest und wünschte mir, dass andere mich glücklich machten. In meinen Gedanken war ich meist mit dem Verhalten meiner Mitmenschen (Partner, Töchter, Kolleginnen) beschäftigt und frustriert, dass sie die Dinge nicht so wie ich sehen konnten.

An diesem Punkt hat Al-Anon (in Zusammenarbeit mit meiner Höheren Macht) wahre Wunder vollbracht. Heute schaue ich tatsächlich auf mich und meine Lebensgestaltung und vertraue darauf, dass mein Mann und unsere beiden erwachsenen Töchter es auch tun. Abschließend möchte ich noch unsere Traditionen erwähnen. Sie sind eine phantastische Grundlage für ein herrschaftsfreies, gleichberechtigtes Miteinander. Es wäre herrlich sie eines Tages in unserer gesamten Gesellschaft wiederzufinden.

eine Al-Anon