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Entspannung, dank Al-Anon

Dank Al-AnonAls ich zu Al-Anon kam, war es für mich erst mal gewöhnungsbedürftig, dass jeder nur im Monolog spricht.
Man redet im Meeting nicht miteinander oder diskutiert Dinge aus, um herauszufinden, was in dieser oder jener Situation das Richtige oder Angemessene wäre.
In einem Al-Anon-Meeting spricht jeder das aus, was er denkt und fühlt, was ihn bewegt, unabhängig davon, was die anderen sagen.
Es gibt keine Diskusionen.

Gestellte Fragen werden selten direkt beantwortet.
Es wird auch auf das eingegangen, was andere angesprochen haben, aber immer aus der eigenen Erfahrung, aus der eigenen Perspektive heraus.
Ich weiß noch, dass mich das am Anfang erboste, als ich im Meeting viele Fragen über Al-Anon stellte, und mancher überhaupt nicht darauf einging, sondern sich nur über seine eigenen Befindlichkeiten ausließ.

Schnell merkte ich aber, wie wohltuend und entspannend es für mich war, dass niemand meine Äußerungen kommentierte. Es gab kein „Was redest du denn da für einen Blödsinn.“ oder „Sieh das doch mal so …, mach mal das anders …“ oder Ähnliches.

Es gab in den Redebeiträgen der anderen keinerlei Ratschläge für mich, wie ich meine eigene Situation ändern, verbessern oder bewältigen könnte oder sollte.
Das heißt, ich redete, sprach das aus, was mich bewegte, und konnte all das Gesagte völlig unkommentiert genau so wieder mit nach Hause nehmen, wie ich es ausgesprochen hatte – das in mir nachwirken lassen und darüber reflektieren.

Ich lernte dabei, mir selbst zuzuhören, mich selbst beim Beschreiben meines Lebens zu betrachten, völlig unbeeinflusst von anderen.
Auf diese Weise lernte ich mich immer besser kennen, wie ich mit den verschiedenen Situationen und Erfahrungen umgehe, wie ich über mich selbst, über andere Menschen und das Leben denke, und wie ich es zu bewältigen versuche.

Was durch diese Art des Austauschs in den Al-Anon-Gruppen bei mir relativ schnell eintrat, war eine tiefe Erleichterung und Entspannung.
Das liegt einerseits daran, dass ich im Meeting selbst entscheiden darf, ob ich sprechen will, worüber und wie lange.
Ich kann in Ruhe reden und dann, wenn ich etwas sagen will. Und ich darf so lange sprechen, wie ich es in diesem Moment brauche, und dann von selbst zum Ende kommen.
Ich muss mich nicht beeilen, das, was ich sagen will und zu sagen habe, schnell auszudrücken, ehe mir wieder jemand ins Wort fällt, um seinen Senf loszuwerden.

Allein diese Form, dass immer nur einer zur Zeit redet und alle anderen zuhören, war und ist sehr heilsam für mich. Der Zeitdruck beim Reden mit anderen fällt weg.

Zusätzlich erlaubt mir diese Art des Austausches, dass ich mich in der Zeit, wo andere sprechen, entspanne.
Denn ich muss nicht schon darüber nachdenken, was ich auf das Gesagte antworten werde, wie ich demjenigen mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen anschließend „helfen“ oder ihn anders unterstützen kann.
Ich kann, aber ich muss mich nicht schon innerlich und gedanklich darauf vorbereiten.
Ich darf aufmerksam und entspannt zuhören oder meinen eigenen Gedanken oder Gefühlen nachhängen, wie es mir gerade entspricht. Denn ich muss nicht anschließend an das Gesagte anknüpfen.
Ich darf mich im Meeting vom täglichen Hick-Hack, den notwendigen und überflüssigen Gesprächen und Auseinandersetzungen erholen und zu mir finden.

Ich lerne in dieser Form des Austausches auch, den anderen besser zuzuhören.

Da immer nur einer zur Zeit spricht, ist es mir leichter möglich, mich auf denjenigen einzulassen, ihm wirklich zuzuhören, mich von ihm und seinen Worten berühren und inspirieren zu lassen.

Dadurch lerne ich andere Sicht- und Verhaltensweisen kennen und verstehen.
Auch so erfahre ich durch meine Teilnahme an den Meetings Hilfe und Erweiterung für meine eigene Lebensgestaltung.

Ein weiterer, für mich sehr wichtiger Aspekt, warum ich mich im Meeting durch diese Art des Austausches sehr entspanne, ist, dass ich mich für mein Denken, Fühlen und Handeln nicht erklären, rechtfertigen oder verteidigen muss, wie ich es aus anderen Kontexten gewohnt war.

Ich und meine Redebeiträge werden einfach so stehen gelassen, wie ich sie darbringe.
Keiner macht daran herum oder gibt seine mehr oder weniger klugen Kommentare dazu ab.

Keiner gibt mir Ratschläge oder drängt mich, dies oder jenes anders zu machen.
Und niemand kritisiert oder lobt mich.

Was ich stattdessen in und nach den Meetings als Rückmeldung erfahre, ist eine ehrliche  Anteilnahme, Mitgefühl und eine Wertschätzung, die ich in meiner Familie nie erfahren hatte.
Denn sowohl meine Wortbeiträge, als auch meine Anwesenheit in den Meetings sind auch für andere wertvoll, wie sie mich mit der Zeit wissen ließen.
Das ist für mich auf meinem Weg zur Genesung aufbauend und sehr unterstützend.
Und dafür bin ich sehr dankbar.

Geschrieben von Michael aus Berlin (eine Fortsetzung folgt)

Copyright bleibt (wie immer) beim Autor

 

Ein Kommentar

  1. leora schrieb:

    Mir hat der Inhalt sehr gefallen. Es ist immer wieder wehrtvoll zu erfahren, wie andere ein Meeting erleben.Nun bin ich auf die Fortsetzung gespannt….
    Vielen Dank. Leora

    Donnerstag, 27. September 2012 um 13 | Permalink