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Die Gruppe ist mein Anker

Foto von zwei marmorierten SteinenIch habe mir vor einigen Monaten – als ich zum ersten Mal zu Al-Anon gekommen bin – ein Versprechen gegeben: Ich habe mir geschworen, dass ich es nie wieder zulassen werde, so einsam zu sein, wie ich es bis dahin die meiste Zeit meines Lebens gewesen war.
Ich komme aus einer alkoholkranken Familie. Schon in frühester Kindheit bemerkte ich, dass meine Familie anders war als andere. Natürlich begriff ich damals noch nicht das ganze Ausmaß der
Probleme meiner Eltern, aber dennoch spürte ich, dass bei uns zu Hause vieles nicht in Ordnung war. So vermied ich es schon als kleines Kind, Freunde mit nach Hause zu bringen, weil ich in solchen Situationen nur schlecht verbergen konnte, dass wir Probleme hatten.
Um außerhalb unserer vier Wände das glückliche Mädchen vorgeben zu können, hatte ich mir das perfekte Lächeln zugelegt. So bekam ich von meiner Umwelt laufend Komplimente, weil ich das fröhlichste Mädchen war, das sie kannten, und weil ich ja noch dazu ein so ausgesprochen schönes Lächeln hätte! Ich lächelte wirklich immer, auch wenn mir innerlich nach Schreien zu Mute war.Ich lächelte sogar noch, wenn Menschen mich verletzten, weil ich gelernt hatte, mir keinerlei Gefühle anmerken zu lassen. Leider ist es mir bis heute nicht gelungen, diese Maske in der Öffentlichkeit abzulegen.
Je älter ich wurde, desto bewusster wurden mir die Probleme meiner Familie, meine Traurigkeit wurde größer, und es wurde immer schwieriger, das glückliche Mädchen zu spielen. Mir wurde klar, dass nicht nur meine Familie anders war, sondern auch ich war mittlerweile anders als all die anderen Kinder oder Jugendlichen meines Alters.
Ich schämte mich für diese Eigenartigkeit, die ich nicht abstellen konnte und die immer schwieriger zu verbergen war. Zu guter Letzt gab ich es vollständig auf, mich mit anderen Menschen zu treffen.

Am liebsten verbrachte ich die Zeit mit meinem Hund, da er der einzige auf dieser Welt zu sein schien, der mich so akzeptierte, wie ich war. Einzig in seiner Gegenwart konnte ich wirklich Ich selbst sein. Natürlich machte mich diese Zurückgezogenheit sehr einsam, aber dennoch kapselte ich mich weiterhin mehr und mehr von meiner Umwelt ab. In meiner schlimmsten Zeit vermied ich es sogar schon, in den Einkaufsladen zu gehen, aus Angst, dort womöglich Bekannte zu treffen, und auch das Telefon ließ ich eines Tages einfach nur noch klingeln. Ich sehnte mich zwar nach Nähe, Freundschaft und Vertrauen, aber sobald mir jemand eben all dieses entgegenbringen wollte, konnte ich es nicht zulassen und ergriff die Flucht.

Ich bin damals nicht nur zu Al-Anon gekommen, weil ich mich mit den Problemen meiner alkoholkranken Familie alleine und unverstanden fühlte, sondern vor allem, weil ich einsam war und nicht wusste, an wen ich mich wenden sollte.
In der Gruppe ist mir glücklicherweise eine Art der Freundschaft geschenkt worden, die ich annehmen konnte. Hier musste ich keinen Schein wahren. Hier durfte ich Ich selbst sein! Leider gelingt mir das noch nicht in jeder Situation. Ich muss erst einmal herausfinden, wer ich überhaupt bin und dann muss ich mich natürlich auch noch trauen, wirklich so zu sein, wie ich bin. Das ist gar nicht immer so leicht!

Vielleicht kann ich dann eines Tages endlich einmal dieses zwanghafte Lächeln ablegen. Schließlich brauche ich meine Stimmungen, Gedanken und Gefühle nun nicht mehr zu verbergen. Dank der Gruppe lerne ich, mich ganz langsam wieder an andere Menschen heran zu wagen. Ich versuche sogar, freundschaftliche Kontakte aufzubauen. Natürlich habe ich noch immer Angst davor, von diesen Personen enttäuscht zu werden, aber die Al-Anon Gemeinschaft gibt mir die Gewissheit, dass ich auch ein solches Erlebnis überstehen würde weil ich nun nicht mehr alleine bin.
Bei Al-Anon finde ich immer jemanden, mit dem ich reden kann und der mich versteht. Darauf kann ich mich verlassen. Und weil ich hier gemocht werde, ohne gewisse Bedingungen oder Erwartungen erfüllen zu müssen, fühle ich mich hier sicher und geborgen.
Al-Anon ist mein Anker, der mir Halt gibt und mich davor bewahrt, wieder in eine so unerträgliche
Einsamkeit abzurutschen. DANKE!

A., zugehörig zu Al-Anon