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Brief an meine trinkende Mutter

Strandfoto mit HundMama, ich merke, ich will dich eigentlich nicht sehen, nicht sprechen, nicht mal an dich denken – ich würde dich gerade gerne vergessen. Doch schon (wieder), während ich das schreibe, beschleicht mich dieses altbekannte, kalte, schleimige Schuldgefühl. Es geht dir schlecht – immer – du magst dich nicht, du magst dein Leben nicht. Ich bin nicht für dich da. Nicht einmal die eigene Tochter.

Ach, Mama es ist so schwer, für dich da zu sein, weil Du niemanden wirklich an dich heranlässt, weil dein Unglück mir so weh tut, so eine Verletzung für mich ist, weil dein Trinken so ein Verrat und zugleich meine Schuld, für mich ist. Weil deine Krankheit eine Wunde an mir ist, für die ich kein Medikament finde, keine Therapie habe. Deine Krankheit ist die alte, schimmelige Kiste in mir, die ich nie öffnen will, die mich innerlich vergiftet, denn sie ist auch zu meiner Krankheit geworden.
Es ist so aussichtslos, weil zu dieser Krankheit auch das Schweigen über diese Krankheit gehört, die stille Verzweiflung darüber. Dein Leugnen dieser Krankheit, meine Wut und Aggression, die bittere Scham, über den Makel Alkoholismus.


Ich liebe dich, Mama. Ich kann dich nicht, nicht lieben, aber es tut auch verdammt weh, dich zu lieben. Es tut weh, dass nicht gesprochen werden darf. Dass unser Verhältnis trotz aller Liebe kein ehrliches ist. Das tut sehr weh, denn ich wünschte mir so sehr, dass wir ein wahrhaftiges, ehrliches Verhältnis zueinander hätten. Ich kann mich nicht damit abfinden, dass es nicht so ist.
Ich kann nicht damit umgehen, dass du so negativ bist. Ich kann nicht ertragen, dass du trinkst. Und doch kann ich auch nicht gehen. Ich kann den Kontakt zu dir nicht abbrechen, im Moment fällt es mir aber auch schwer, ihn zu pflegen. Ich würde dich gerne einfach so lieben, ohne diesen Schmerz, ohne die Wut, die Schuldgefühle, die Vorwürfe, die Verzweiflung, das Gefühl des Verratenseins.
Ohne die Angst um dich, ohne den Schmerz, wenn ich mir ein Unglück, deine Einsamkeit, deinen Selbsthass vorstelle, einfach so, wie eine Tochter ihre Mutter liebt, wie meine Mama. Du bist meine Mama, so wie du bist, mit allem und ich liebe dich, aber es tut weh.

Diesen Brief an meine Mutter schrieb ich ein halbes Jahr, bevor ich zu Al-Anon kam. Das ist inzwischen eine Weile her und meine Mutter hat diesen Brief bis heute nicht bekommen, wenngleich sich viel verändert hat, aber das erste Mal nur für mich.
Dafür danke ich Euch
Stefanie, eine Al-Anon

6 Kommentare

  1. Rosie schrieb:

    Stefanie, die Tränen kamen mir beim Lesen. Danke für diesen ehrlichen Brief! Schade, dass ihn Deine Mama nicht bekam. Ich würde ihn ihr geben.
    Rosie, ich bin eine Angehörige

    Montag, 18. Januar 2016 um 18 | Permalink
  2. Reimar schrieb:

    Auch ich würde den Brief an die Mutter weitergeben – sonst kann er nichts bewirken.
    Ich bin seit 36 Jahren bei Al-Anon und weiß heute, dass es keinen Sinn macht, im stillen Kämmerlein zu trauern.

    Mittwoch, 20. Januar 2016 um 16 | Permalink
  3. Helga schrieb:

    Danke für Deinen Beitrag, der mich sehr berührt hat und mir hilft, für meine erwachsenen Kinder noch mehr Verständnis zu haben. Wie oft habe ich mir gewünscht, dass auch sie dieses heilsame Programm für sich entdecken. Aber auch da bin ich machtlos und weiß, das jeder seinen eigenen Weg geht. Loslassen – Gott überlassen.

    Freitag, 22. Januar 2016 um 19 | Permalink
  4. Manuela schrieb:

    Das, was Du geschrieben hast, trifft „es“ genau. Das, was den Mitbetroffenen auch krank macht. Es ist mein Mann, der trinkt, aber es geht mir genau so. Er hat mich schon mit seinem Trinken fast „kaputt“ gemacht. Manchmal denke ich, wahrscheinlich sterbe ich indirekt am Alkohol, weil ich meinen Mann nicht loslassen, nicht fallen lassen kann. Habe ihn schon einige Male verlassen, die Scheidung eingereicht, aber immer alles wieder auf Null gedreht. Ich will ihn nicht an die Sucht verlieren, dabei verliere ich mich aber selber. Ich weiß es, aber es gelingt mir nicht, ihn nicht zu halten, ihm aufzuhelfen, … Aber wer hilft mir?

    Mittwoch, 27. Januar 2016 um 22 | Permalink
  5. Ange schrieb:

    Liebe Manuela,
    Hilfe findest du in jeder Al-Anon Gruppe. Schaue mal auf die Homepage http://www.al-anon.de – dort findest du einen Überblick.
    Ich wünsche dir Mut, den Schritt in eine Gruppe zu tun.

    Sonntag, 31. Januar 2016 um 20 | Permalink
  6. bur schrieb:

    Wenn ich den Brief weitergeben würde, dann nur, wenn ich keine Erwartungen habe. Wie oft habe ich versucht, mit ähnlichen Worten etwas zu erreichen, wie oft war ich verzweifelt, dass wieder mal nichts passierte. Briefe und Tagebücher habe ich geschrieben, die nie jemand zu sehen bekam. Das hat mir vor Al-Anon für einen kleinen Moment geholfen, die ewig kreisenden Gedanken loszuwerden.
    „Loslassen“ habe ich bei Al-Anon gelernt und das, sowie die Gespräche in den Gruppen, hat mir mehr geholfen, als tausend geschriebenen Worte, es hat mich nachhaltig gestärkt.

    Montag, 1. Februar 2016 um 07 | Permalink