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Aus der Isolation meiner Scham

Abbildung eines PostersMein Name ist Otmar und ich fühle mich seit langem in Al-Anon wohl.

Wohl fühlte ich mich im täglichem Erleben mit der trinkenden Ehefrau schon lange nicht mehr. Wie es begann, wurde mir nie bewusst, auch heute könnte ich keine Antwort finden. Was ich wirklich weiß ist, dass Alkoholismus eine Krankheit ist und wie Krebs oder Diabetes von dem Erkrankten nicht mit Willenskraft überwunden werden kann.

Mein Verzicht auf Alkohol half meiner Frau auch nicht, trotz vieler Entzüge musste sie trinken. Ständige Schadensbegrenzungen sowie das Geheimhalten der Auswirkungen der Krankheit führten mich in die Isolation meiner Scham, das Gefängnis der Ehe: diese Institution von Ethik und Moral, bis der Tod euch scheidet.

Das „darüber sprechen“ entzweite mehr, denn die Ratschläge waren so gegensätzlich, dass ein Otmar-Leben nicht ausgereicht hätte, sie alle zu befolgen. So folgte meine jahrelange Isolation, ich fühlte mich für Vieles unfähig, sogar dafür, Urlaub zu machen. Ich dachte: wo verstecke ich die besoffene Ehefrau?

Ich erkrankte in meiner Seele und der Körper folgte mit vielen Bandscheibenvorfällen nach. Die, die diese Zeilen interessiert lesen, wünschen, einen (Aus-)Weg für ein würdiges emotionales Erleben zu erfahren. Heute erkenne ich besser meine Emotionen und welche problematische Gefühle auslösen und sich dem intellektuellen Planen entzieht.
Ich sage mir: „Halt – Stopp! Bin ich ein Retter für die, die sich nicht einmal selbst retten wollen??? Ich kann ja auch nicht für einen anderen zum Arzt gehen oder atmen oder essen oder schlafen.“ Es war schmerzlich zu hören, dass Al-Anon kein Patentrezept hat für das, wofür ich kam. Ich fühlte dass ich noch einmal auf die Schulbank muss für das Wissen: „Wie lege ich meine alkoholnasse Ehefrau trocken?“ Ich hörte vieles wie: In Liebe loslassen – ja auch mich und nur mich. Das machte mich wütend.

„Fallenlassen“ sagte mein kleines Ich, ich will – und zwar sofort – eine Erlösung, ich fühlte mich wie im Irrenhaus. Ich vermochte weder der Alkoholikerin noch im Al-Anon Meeting sagen, wie elend ich mich unter ihrem Verhalten fühlte, sprach nur von ihren „Eskapaden“.

Ich weiß nicht, wie viele Menschen ich auch enttäuschte. Jedoch ist das Ende einer Täuschung (die Enttäuschung) gut. Der spirituelle Geist in Al-Anon ist heute, nach Jahren, meine Wurzel der Genesung von den Problemen, die Alkoholismus verursacht. Mein verändertes Verhalten ließ meine Frau die Flucht ergreifen, und die Scheidung folgte. Welche Gefühle ich empfinde, vermag ich nicht zu beeinflussen. Ich habe Gefühle; wie ich die nach Außen auslebe, ist meine Verantwortung. Das Motto: „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem anderen zu“ setzt mir meine Grenzen. Nur im Heute denken und sich Zeit lassen auch für das, was sich wie Angst breit macht. Und Angst nur als Warnsignal beachten, wie das Hupen eines Autos…

Ich empfinde die sogenannte Ethik und Moral als Fessel, sie dient zum Gefügigmachen der Menschen und diese will ich aus meinem Denken und Handeln verbannen.

Otmar, ein Al-Anon

Ein Kommentar

  1. bur schrieb:

    Danke für Deinen Beitrag, er regte mich zum Überlegen an.
    Ich kenne noch weitere „Fesseln“: Tradition und Rangordnung.
    Aber wie heißt es bei Al-Anon? Ändern, was ich ändern kann! Moral, Ethik, Tradition etc der anderen Menschen kann ich nicht ändern.
    Im Meeting höre ich: „Nimm, was dir gefallen hat und lass den Rest beiseite.“
    Warum nicht auch so umgehen mit den „Fesseln“ der Gesellschaft?, sagte ich mir. Ich habe meine eigene Moral, (wobei ich mich an die Gesetze halte), ich mache Traditionen nur mit, wenn sie mir gefallen oder ich es für sehr wichtig halte – immer nur meine Entscheidung. Warum nicht bunte Kleidung tragen, wenn alle grau herumlaufen? Warum nicht die große Familienfeier ausfallen lassen oder schon früh gehen, wenn mir danach ist? Ich habe die Wahl und ich freue mich darüber.

    Montag, 12. September 2016 um 10 | Permalink