Zurüruck zum Inhalt

Aus dem Tagebuch einer Angehörigen

Foto vom TagebuchIch bin müde und kann nicht schlafen. Mein Herz schmerzt, weil es verkrampft ist und mein Magen zieht sich zusammen. Ich habe Hunger und kann nichts essen. Ich warte jetzt schon wieder seit drei Stunden darauf, dass er endlich nach Hause kommt.

Das Schlimmste ist, dass unsere Große mit ihren 7 Jahren fast das Gleiche empfindet. Sie liegt mit Bauchschmerzen in ihrem Bett, ruft mich und fragt: „Ist der Papa schon da?“

Ich sage „Nein“ und sie sagt: „Ich habe Angst, dass er betrunken nach Hause kommt und Dich schlägt.“ Ich habe die gleiche Angst aber ich beruhige sie und sage, dass der Papa mich nicht schlägt.

Auch unsere Kleine merkt, dass wieder mal etwas nicht stimmt. Sie schläft unruhig und möchte, dass ich mit in ihrem Bett schlafe. Sie ist vorige Woche 4 Jahre alt geworden und ich 28….
Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll: Rechnungen, die nicht bezahlt werden können. Dinge tun, die ich nicht tun will. Selbstverachtung. Regeln einhalten, die ich nicht aufgestellt habe. Tränen: alles sinnlos ! Tod: Erlösung ! Schreiben wollen, aber keine Worte finden. Gefühle: Trauer, Zorn, Rache, Verzweiflung, Resignation, aber dann auch wieder Mitleid, Hoffnung – ein Wechselbad der Gefühle und das schon seit Jahren. Ich glaube, ich werde langsam verrückt.

 

Das war in den 60’er Jahren. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Internet und sie hatte auch noch nichts gehört von Alkoholismus als Krankheit – und erst recht nicht von einer „Familienkrankheit Alkoholismus“.

Da war niemand, mit dem sie sich hätte austauschen können, der sie verstand. Und wenn sie mal bei irgendjemandem eine Andeutung machte hieß es gleich “Dein Mann ist doch kein Alkoholiker. Du musst dich nur so oder so verhalten, dann wird das schon wieder.“

Aber nichts wurde besser, sie lebte ständig in Unsicherheit und Angst, wurde immer nervöser und wusste nur: so geht es nicht weiter. Denn all das übertrug sich auch auf die Kinder.

Um den Lebensunterhalt für sich und die Kinder zu sichern, hatte sie bereits wieder eine Arbeit aufgenommen. An Scheidung hatte sie schon oft gedacht, aber als geschiedene Frau mit zwei kleinen Kindern eine Wohnung zu finden war damals fast unmöglich (und er weigerte sich, die gemeinsame Wohnung zu verlassen).
Doch irgendwo hatte sie den Satz gelesen:
„Es ist ein Gesetz im Leben: wo immer eine Tür zuschlägt, geht eine andere auf.“
Und ihr Entschluss stand fest.

Fortsetzung folgt …

eine Al-Anon