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Aus dem Tagebuch einer Angehörigen – Teil 7

Foto einer BlumenwieseDas Jahr 1989 neigt sich dem Ende zu. Ich fühle mich saft- und kraftlos. Dabei gäbe es noch so viel zu tun (Fensterputzen, bügeln etc.), aber ich sitze mal wieder da, habe das heulende Elend und kann mich zu nichts aufraffen, bis das Telefon schellt:
Meine Älteste teilt mir freudig mit, dass sie ein Kind erwartet (!) und ist ganz enttäuscht, dass ich mich nicht mit ihr freue, wo ich doch immer gesagt hatte, dass ich es schön finden würde, Oma zu werden. Ja, als ich noch Kraft und Elan hatte, als mir das Leben trotz allem noch ein wenig Spaß machte, da wäre ich schon gerne Großmutter geworden. Aber heute weiß ich nicht, ob ich der Verantwortung noch gewachsen bin – oder hab ich hier keine Verantwortung? Und schon geht das Kopfkino wieder los.
Bei Al-Anon habe ich zwar gelernt, dass ich nur die Verantwortung für mein eigenes Leben habe und dass mein Wohlergehen nicht von anderen abhängt – auch nicht von meinem alkoholkranken Partner -. Das kann aber nur bedingt stimmen: Es geht mir zwar inzwischen besser, weil ich mich zunehmend aus seinem Leben raushalte kann, aber die Angst, rückfällig zu werden und ihm doch wieder zu helfen, wenn er nur hartnäckig genug bittet, ist sehr groß. Vor allem bei der Überlegung, dass ich unserem ersten Enkelkind den Opa nicht vorenthalten darf ! ?
Inzwischen habe ich Werkzeuge an der Hand, um dieses Kopfkino zu durchbrechen, also schlage ich mein blaues Buch auf und lese (4. Oktober): „Ich habe nur eines einzigen Menschen Schuld zu tragen, und das ist meine eigene. Wenn der Alkoholiker mich für seine Schwierigkeiten verantwortlich machen will, so lehne ich diese Verantwortung ab, ohne mich zu verteidigen…“ und : Nur für heute will ich mich den Umständen anpassen, so wie sie sind, und nicht versuchen, die Umstände meinen Wünschen anzupassen. Ich will mein Glück so nehmen, wie es kommt, und mich darin schicken.

Helga, eine Al-Anon