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Aus dem Tagebuch einer Angehörigen – Teil 6

Foto einer winterlichen PromenadeEs ist Nachmittag, 12. Januar 1988. Ein wunderschöner Tag, strahlend blauer Himmel und die Temperaturen würden einen ausgedehnten Spaziergang zum Genuss werden lassen. Aber leider habe ich mir an Heilig Abend den Fuß gebrochen. So sitze ich nun hier und habe alle Zeit der Welt, über mein Leben nachzudenken.
Meine beiden erwachsenen Töchter sind im Begriff, auszuziehen, und was meinen – geschiedenen – Mann anbetrifft so ist es immer noch das Gleiche, seit nunmehr 20 Jahren: Kneipe, Alkohol, Versprechungen, die nie eingehalten werden …
Seit ich zu Al-Anon gehe frage ich nicht mehr, warum er das macht, sondern warum ich das mitmache.
Weil ich mit ihm zusammen sein will? Warum? Weil ich ihn brauche, so wie er den Alkohol? Weil ich Angst habe? Angst wovor? Davor, dass ich mit mir selbst nichts anzufangen weiß? Warum sitze ich immer zu Hause und warte darauf, dass er oder die Kinder mich brauchen? Und wenn ich mal nicht greifbar bin, habe ich gleich ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle. Ich bin nicht normal !

Dennoch habe ich in den Meetings schon einiges gelernt: Ich bin gelassener geworden und meine innere Ruhe und Zufriedenheit ist nicht mehr so sehr von seinem bzw. dem Verhalten anderer abhängig. Ich kann viele Dinge, wenn auch nicht akzeptieren, so doch tolerieren und mich auf mich selbst konzentrieren, d.h. ich muss mir nicht mehr ständig den Kopf über die Probleme anderer zerbrechen, kann mich inzwischen besser aus deren Leben raushalten.
Trotzdem: obwohl er auf mein Drängen hin seine Sachen gepackt hat, und ich jetzt alleine wohne, sitze ich abends oft hier in meinem Sessel und schaue wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf das Telefon, zu bange, Licht anzumachen, weil er dann weiß, dass ich zu Hause bin und wenn er dann schellen würde …
Also bleib ich im Dunkeln sitzen – wie auch schon früher, als die Kinder noch zu Hause waren. Eben ging das Telefon und er war dran. Er sitzt auch alleine bei sich zu Hause (nüchtern, das höre ich an seiner Stimme) und fühlt sich sehr einsam. Das macht mich nicht nur traurig, es kommen auch wieder Schuldgefühle auf, aber ich bleibe – nur für heute – konsequent.

von Helga, einer Al-Anon