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Aus dem Tagebuch einer Angehörigen – Teil 5 aus dem Jahr 1985

Foto See mit SeerosenSeit einem halben Jahr gehe ich nun schon jeden Montag in das Meeting. An der Situation zu Hause hat sich nichts geändert und ich frage mich, ob es wirklich Sinn macht, dort hinzugehen, denn was ich zu hören bekomme, gefällt mir oft gar nicht. Wenn ich mich immer wieder über das beklage „was er mit mir macht“ so höre ich nur: „Er macht so viel mit dir, wie du mit dir machen lässt.“ Oder „Du kannst niemanden ändern, außer dich selbst“.
Mit den 12 Schritten und den 12 Traditionen des Programms kann ich auch nicht viel anfangen, allerdings diese „Nur für heute“-Steps helfen mir doch oft, den Tag zu überstehen. So war das auch vergangene Woche am 75. Geburtstag meines Vaters. Die Feier sollte abends im Ratskeller stattfinden und mein Ex war auch eingeladen.
Morgens hatte ich gelesen: Nur für heute will ich glücklich sein. Das setzt voraus, dass das Wort Abraham Lincolns zutrifft: „Die meisten Menschen sind so glücklich, wie sie es sich vorgenommen haben.“

Also hatte ich mir für diesen Tag vorgenommen, nicht nur glücklich zu sein, sondern auch so gut auszusehen, wie ich kann, mich höflich zu benehmen und am Abend nicht zu kontrollieren, was und wie viel mein Mann trinkt. Und das hat funktioniert ! Es war eine schöne Feier und obwohl (oder gerade weil) ich den Focus nur auf mich gerichtet hatte, war auch mein Mann weder betrunken noch aggressiv.
Auch in der Al-Anon-Broschüre „M&F“ (Miteinander & Füreinander) finde ich immer wieder gute Beiträge, die mich ein Stück weiterbringen. Ich habe sie abonniert und freue mich auf jedes neue Heft. Um den Druck dieser Broschüre aufrecht zu erhalten, benötigt die Redaktion (mit Sitz in der Schweiz) immer wieder neue Beiträge, und ich sitze hier und überlege, einen solchen Beitrag zu schreiben und einzuschicken.
Ich denke viel über die Liebe nach und schreibe einen Beitrag darüber. Es dauert ziemlich lange, aber dann wird er tatsächlich veröffentlicht: Liebe ist … Abhängigkeit ? Sucht ? Lebe ich, oder werde ich gelebt ?
Er sagt, was zu tun ist, ich erledige alles – auch seine Angelegenheiten – denn ich „liebe“ ihn ja.
Ich räume ihm – wenn eben möglich – alle Schwierigkeiten aus dem Weg. Ich bemuttere ihn, bevormunde und kontrolliere ihn, und wenn er es erwartet, bin ich auch sexy – alles aus Liebe (!?) Aber wo bleibe ich ? Ich habe keine Gelegenheit, darüber nachzudenken, denn mein Denken konzentriert sich nur auf ihn und seine Bedürfnisse – also Abhängigkeit ! Sucht !
Und dann kommt die Frustration, und später möglicherweise die Depression, und dann… … dann wird es Zeit, etwas zu tun – etwas für mich zu tun. Schnell und intensiv. Ich muss raus aus der Isolation, muss mit Menschen reden, die ähnliche Probleme haben und muss meinen Gedanken und Gefühlen neue Impulse geben, z.B. bei Al-Anon. Außerdem gibt es sie immer noch, die Kurse an der Volkshochschule, die Gymnastik- und Yogakurse und die Schwimmbäder. Auch das Fahrrad steht noch im Keller.
Es ist ganz gleich, was ich mache – wichtig ist nur, dass ich etwas mache, und zwar für mich! Denn auch das ist Liebe: Wenn ich leben will, muss ich lernen, mich selber zu lieben und nur wenn ich lebe, kann ich auch lieben.
Und dann – mit zunehmendem Selbstvertrauen – kommt vielleicht irgendwann die Zeit, wo ich keine Angst mehr habe, enttäuscht zu werden, wenn ich jemanden liebe.

Helga, eine Al-Anon