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Aus dem Tagebuch einer Angehörigen – Teil 3

Foto : Steinplastik zweier Menschen im ParkDer Sommer war lang und warm und schön. Er hat mich beim Wort genommen und war fast jeden Tag bei uns.

An den Wochenenden sind wir mit den Kindern an den See oder ins Schwimmbad gefahren, und wenn er danach noch in die Kneipe ging, hat er mich nachts zumindest in Ruhe gelassen, denn nach 20.oo h lasse ich ihn nicht mehr rein – und Telefon hatte ich nicht.

Doch mit dem Herbst kamen auch die Sorgen wieder. Er kommt nicht mehr so oft, was mir zwar einerseits nicht unangenehm ist, andererseits aber bedeutet, dass finanziell für die Kinder und mich nichts übrig bleibt.

Und ihn auf die Zahlung von Unterhalt zu verklagen widerstrebt mir sehr; ich möchte nicht, dass er u.U. deshalb noch im Gefängnis landet. Dabei könnte ich das Geld gut gebrauchen, denn das mit der neuen Wohnung hat geklappt: sie hat Heizung und einen Aufzug, ist aber entsprechend teurer.


Bei der Arbeit fühle ich mich wohl, der Chef und die Kollegen sind freundlich und nett, es ist fast wie eine große Familie.

Abends aber kommt die Angst zurück: kommt er heute – und wenn er kommt, ist er nüchtern? Wenn er angetrunken ist, kann ich ihn nicht ertragen, wenn er volltrunken ist, habe ich Angst vor ihm. Nachdem ich in der neuen Wohnung wieder Telefon habe hat er sich inzwischen auch wieder angewöhnt, mich nachts anzurufen, dass ich ihn aus der Kneipe holen soll.
Vergangene Woche rief er abends an und als ich mich weigerte, ihn abzuholen und ihm sagte, dass ich ihn nicht rein lasse, hat er gedroht, die Tür einzuschlagen, wenn ich nicht aufmachen würde. Ich hatte solche Angst, dass ich mit den Kindern wieder mal zu Mama gefahren bin, um dort zu übernachten.
Obwohl ich nun schon seit 8 Jahren geschieden bin, hat sich nichts geändert. Es ist der reinste Psychoterror. Wie lange halte ich das noch durch? Es ist eine Sackgasse, aus der ich nicht rauskomme.

Mein einziger Trost in all den Jahren waren die Kinder. Sie machen mir sehr viel Freude, sie arbeiten in der Schule gut mit, gehen zweimal in der Woche nachmittags zum Karate und jede lernt ein Instrument: die Große Klarinette, die Kleine Flöte und Gitarre. Das kostet natürlich Geld, folglich muss ich jetzt voll arbeiten gehen. Aber bis die beiden volljährig sind und auf eigenen Füßen stehen muss ich durchhalten.
In meiner Not habe ich mich an unserer Pfarrer gewandt, der mir die Telefonnummer der Anonymen Alkoholiker gab. Das hat mich leicht irritiert: er trinkt und ich soll in eine Selbsthilfegruppe gehen !? Das kann doch wohl nicht wahr sein ! Er sollte in eine solche Gruppe gehen, dann würde alles gut!
N e b e l
Mein Blick war getrübt; getrübt von der Liebe?
Nur wenn Du bei mir warst, konnte ich Dich und meine nähere Umgebung wahrnehmen – alles andere lag im Nebel.
Immer öfter warst Du im Nebel verschwunden
Und die Angst kroch in mir hoch und ich habe Dich gesucht.
Doch wenn ich Dich fand, war es nur Dein Schatten, eine Figur, die nicht greifbar war – nicht wirklich bei mir.
Seitdem sich der Nebel lichtet, wird mein Blick klarer und ich sehe: was ich für Liebe hielt war Abhängigkeit.
Fortsetzung folgt..

Ein Kommentar

  1. Rosie schrieb:

    Vieles kann ich nachvollziehen und Dein Bericht berührt mich sehr. Danke für’s Teilen!
    Mein Name ist Rosie, ich bin eine Angehörige

    Sonntag, 13. September 2015 um 16 | Permalink