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Aus dem Tagebuch einer Angehörigen – Epilog

Foto einer Treppe im GartenAls ich im Jahr 1997 von einem Intergruppen-Arbeitsmeeting in Essen zurückkam, teilte ich meiner Familie mit, dass ich in 1998 zum ersten Al-Anon-Welttreffen nach Salt Lake City fahren werde. Die erste Reaktion meines Ex war „Woher willst du das Geld nehmen?“ Ich konnte ganz gelassen sagen: „Wenn meine Höhere Macht entschieden hat, dass ich mit nach Amerika fahre, wird sie auch dafür sorgen, dass
ich das Geld dafür zusammen kriege.“ Zwei Wochen später meinte er: „Ich kann dich doch nicht alleine nach Amerika fahren lassen – ich fahre mit!“ Da habe ich festgestellt, dass nicht nur ich eine Höhere Macht habe, die für mich sorgt, sondern auch er, denn auch er hat das Geld für die Reise zusammen bekommen.
Es war für uns beide eine tolle Erfahrung, wie tausende Menschen aus aller Welt zusammen kamen, um in dem großen Convention Center in Utah an guten Meetings teilzunehmen, sich beim Mittagessen und Kaffee trinken zu unterhalten und abends in einem sehr schön hergerichteten Saal zu tanzen und Spaß zu haben. Wenn sich dann beim Abschlussmeeting mehrere Tausend Menschen die Hände reichen und gemeinsam den Gelassenheitsspruch sprechen – jeder in seiner Sprache und doch in einem Geist – ist das sehr bewegend und geht voll unter die Haut. Die Herzlichkeit und Wärme in der Gemeinschaft machte diese Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Obwohl mein Ex seit der Geburt unserer Enkelkinder schon um einiges solider und verantwortungsbewusster geworden war, hat die Erkenntnis, dass es Menschen gibt, die ohne Alkohol fröhlich und zufrieden sind, auch bei ihm für eine veränderte Einstellung gesorgt. Wir haben nun beide gelernt, das Anderssein des anderen zu akzeptieren, ihm mit Achtung und Respekt zu begegnen und trotzdem Grenzen zu setzen – und loszulassen. Das war für uns die Basis, im gleichen Jahr noch einmal zu heiraten. Es folgten noch 10 gute Jahre, in denen wir vieles – aber nicht zwangsläufig alles – gemeinsam unternommen haben. Wir sind oft zusammen verreist und manchmal hat er mich zu den Deutschsprachigen Ländertreffen der A.A. begleitet.
Nach seinem Tod vor 8 Jahren konnte ich Dank Al-Anon trauern, ohne in ein tiefes Loch zu fallen, ich habe mir Hobbies zugelegt, bei denen ich zur Ruhe komme und meine Mitte finde (u.a. Malen und Yoga). Zu meinem Stamm-Meeting gehe ich immer noch, denn für mich ist das Al-Anon- Programm ein Lebensprogramm und ich möchte die Botschaft weitergeben und Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, solange ich lebe.

„Der Sinn meines Lebens ist, so glaube ich, nach dem Sinn meines Lebens lebenslang zu suchen.“
(Erwin Strittmatter)

2 Kommentare

  1. Rosemarie schrieb:

    Ich bin auch sehr dankbar, dass ich auch dieses „unter die Haut gehen“ beim Gelassenheitsspruch beim A.A.-Welttreffen 2005 in Toronto, 2008 beim Al-Anon Welttreffen in Pittsburgh und bei vielen Deutschsprachigen Ländertreffen erleben durfte. Fast 28 Jahre Trockenheit durften wir erleben. Auch ich wurde von zahlreichen Al-Anon Freundinnen und Freunden „getragen“ als mein Mann plötzlich starb.

    Montag, 9. Mai 2016 um 19 | Permalink
  2. Veronika schrieb:

    Oh, wie schön. Eine Erinnerung an mein einziges Welttreffen. Ich war auch in Utah dabei. Und bei diversen Intergruppen- und deutschlandweiten Treffen, wo sich ja nicht nur die A.A. treffen, sondern immer mindestens ein Drittel Angehörige dabei sind 😉 Eigentlich ist es ja schließlich auch ein Treffen der BEIDEN Selbsthilfegruppen. Danke, dass Du diese Erinnerung geweckt hast.

    Sonntag, 22. Mai 2016 um 20 | Permalink