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Alkoholismus, ein Elefant im Wohnzimmer

Elefant„Der Elefant im Wohnzimmer“ , ein Beitrag einer Al-Anon aus Virginia, USA, wurde 1979 in der Aprilausgabe der Zeitschrift von Al-Anon in den USA „The Forum“ abgedruckt.

Auch wenn diese Metapher vermutlich nicht zum ersten Mal benutzt wurde, um die für alkoholkranke Familien typische Verdrängung zu beschreiben, so stieg die Popularität des Begriffs durch diese Geschichte überall in Al-Anon sehr: 


Und da sitzt dieses dumme Ding – sein Name ist Alkoholismus, und es füllt das ganze Haus.

Andere Leute können Gäste einladen, andere Kinder können Freunde bei sich übernachten lassen.

Unser Haus ist voller Elefant!

Und du schlägst auf es ein, klagst über es, schubst es am Schwanzende, ziehst es am Rüssel und versuchst, es dazu zu bewegen, in dem Zirkus mitzumachen – aber das dumme Ding sitzt da.
Einige von uns verbringen soviel Zeit damit, unsere eigenen privaten Dickhäuter herum zu stoßen und zu zerren, dass sie nie wirklich etwas anderes tun.

Unsere Kinder führen ihr Leben weiter, so gut sie können, und hin und wieder lassen wir ab, nehmen genug Abstand, um einen kleinen, kritischen Kommentar in ihre Richtung zu werfen – aber dann eilen wir wieder zurück zu unserer Hauptbeschäftigung.

Nun, ist das nicht dumm?  Du kannst einen Elefanten nicht bewegen!
Du kannst ausziehen – oder Du kannst Dein Leben bestmöglich weiterleben, unter Beachtung der unwiderlegbaren Tatsache, dass da ein Elefant in Deinem Wohnzimmer sitzt.

Du kannst lernen, mit ihm zu leben … fahre Rollschuh um ihn herum … staub ihn ab … häkel ihm einen Nasenwärmer … mal ihn rot und pink an … vermiete einem Politiker Deiner Wahl einen Platz auf ihm … aber höre auf zu versuchen, ihn zu bewegen!
… und lächle.
Gott liebt Dich, und Er gab Dir die ganze Welt zum Glücklich-Sein – nicht nur den kleinen Platz um den „Du-weißt-wem“ in Deinem „Du-weißt-wo“.

Der Text wird bald auch auf deutsch erscheinen: in einem Buch über die Geschichte von Al-Anon, „Many Voices, One Journey“, das gerade übersetzt wird.

Mein Elefant war meine (alkoholkranke) Mutter.  Wer war oder ist Eurer?
Und seid oder wart ihr ebenso überzeugt davon, dass das Problem nicht AN SICH die Flaschen sind (im Waschkeller, in sämtlichen Kleiderschränken…)? 

Ich war vielmehr davon überzeugt, dass meine Mutter trank, weil andere sie nicht gut genug behandelten – insbesondere mein Vater.
Ebenso war ich der festen Meinung, dass meine Mutter nicht trinken müsste, wenn sie nur ihr Verhalten oder Denken ändern würde.
Und schließlich glaubte ich, dass eine Ursache unseres Unglücks in der Lebensweise und -art unserer Familie lag, speziell an unserem Wohnort.
Kurzum, es schien so offensichtlich Dinge zu geben, die dazu führten, dass sie trank.
Denn sie hat eine Entscheidung, nicht zu trinken – das war die Kehrseite dieser Überzeugungen, und in ihr lag meine Hoffnung.

Und ist oder war es für Euch auch – fast ein Zwang, zu helfen, zu ändern, nie loszulassen?

Ich weiß nicht, ob ich für mich damals den Gedanken zugelassen hätte, von dem der Text spricht:
ich versuchte, einen Elefanten zu bewegen, als kleines Mädchen mit null Hilfsmitteln.
Meine Güte!

Ich hab Al-Anon gebraucht, um Alkoholismus als Krankheit zu erkennen und zu akzeptieren. Meine absolute Machtlosigkeit ihm gegenüber.

Und heute?
Ich versuche, die Zeit mit meiner Mutter zu genießen, wo immer es möglich ist. Und es gelingt immer mehr. Ich sehe andere, bei denen es gelingt.

Es mag nicht die einfachste Beziehung sein – aber sie ist freier von all dem Kampf, all der Manipulation, all der Verzweiflung.

Ein Versprechen von Al-Anon ist: wir können glücklich leben, unabhängig davon, ob der Alkoholiker noch trinkt oder nicht.

Auch von diesem Versprechen spricht der Text.

Und so versuche ich heute, mich auf mein Leben zu konzentrieren: mit mehr und mehr Freude, Leichtigkeit und mit einem Lächeln.

Vor allem aber mit der Hilfe und Weisheit von Menschen, die alle den Zirkus kennen, den Elefanten, und das Leben mit ihm.

Eine Al-Anon aus Berlin

3 Kommentare

  1. Hubert schrieb:

    Ein schwerer und bedrohlicher Brocken, so ein Elefant im „Wohnzimmer (im Mittelpunkt)meines Lebens“. Welch ein eindrucksvoller Vergleich!
    Besonders dann, wenn ich ihm mit mit meinen schwachen Kräften allein gegenüber stehe. Dann werde ich immer weniger, bis ich schließlich erdrückt worden bin.
    Doch seit ich Al-Anon Freund(e)innen habe, bin ich nicht mehr allein. Mit ihnen und dem Al-Anon Programm, kann ich Strategien entwickeln, ihn zu einer Nippesfigur im Regal werden zu lassen. Dann kommt es nur auf meine persönliche Einstellung gegenüber dem Elefanten an, wer im Wohnzimmer meines Lebens bestimmt.

    Danke für diesen Beitrag

    Montag, 18. November 2013 um 12 | Permalink
  2. Cassia schrieb:

    Danke dafür! Diese Geschichte macht wieder mal so viel klar….

    Samstag, 28. Dezember 2013 um 00 | Permalink
  3. Heike schrieb:

    DANKE für Deine Geschichte! Du beschreibst diesen Zirkus so treffend! Es ist so wichtig, uns mitzuteilen, und in Worte zu fassen, was da abgeht. Oft fehlen mir noch immer die Worte… Da bin ich dankbar, wenn Andere sie für mich finden, den Wahnsinn beschreiben. Insbesondere der, wenn ich dem Elefanten gegenüberstehe und n i c h t s mache, verzweifle. Es gilt auch heute für mich, trotz der Tatsache, dass mein Partner trocken ist: ich brauche mein Al-Anon-Programm, meine Freunde, um meine persönliche Einstellung zu ändern. Ihn nicht mehr auf den Sockel zu stellen und zu ihm a u f zublicken. Um aufzustehen aus der Lethargie, aus den Illusionen. Trocken sein ist leider noch nicht nüchtern sein. Das erfahre ich seit langem sehr schmerzhaft. SEINE Kontrolle raubt mir manchmal den Atem. DANKE für Euer DA-sein, hier und in den Meetings!
    Gute 24 Stunden, lasst uns dran bleiben, es hilft! In kleinen Schritten…

    Sonntag, 2. März 2014 um 12 | Permalink